Nach teils jahrzehntelangem Stau: Große Verkehrsprojekte im Norden kommen in Fahrt

Buchholz mit dem Chef seines Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein, Torsten Conradt

Nach jahrelanger Ungewissheit und Stagnation ist bei den großen Verkehrsprojekten im Norden 2020 einiges in Bewegung gekommen. Nicht nur beim Megavorhaben von europäischer Dimension, dem Fehmarnbelt-Tunnel zwischen Deutschland und Dänemark, gab es einen entscheidenden Schritt nach vorn. Auch für den seit Jahrzehnten hakenden Ausbau der B 5 an der Westküste gab es in diesem Jahr von den Gerichten endgültig grünes Licht.

Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) ist entsprechend zufrieden: «Selbst bei der A 20 bin ich zuversichtlich, dass wir innerhalb der kommenden zwei Jahre weitere wichtige Schritte vorankommen – auf vielen anderen Achsen geht es aber schon ab nächstem Jahr spürbar voran», so Buchholz gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Eine Bestandsaufnahme zum Jahreswechsel:

FEHMARNBELT-QUERUNG

Ab 2029 soll ein 18 Kilometer langer Straßen-und Eisenbahntunnel Fehmarn und die dänische Insel Lolland verbinden. Er wird die Fahrzeiten zwischen den Boom-Regionen Hamburg und Kopenhagen verkürzen. Zur Freude der Wirtschaft und Enttäuschung von Naturschützern wies das Bundesverwaltungsgericht im November letzte Klagen ab. Nun darf auch in Deutschland gebaut werden. Darauf kündigte Minister Buchholz einen symbolischen ersten Spatenstich zu Beginn des kommenden Jahres an.

Den Tunnel baut Dänemark. Deutschland muss die Anbindung auf seinem Territorium erledigen, Kosten: 3,5 Milliarden Euro. «Endlich wurde bei diesem absehbar größten Infrastrukturprojekt der nächsten Jahrzehnte der Knoten durchschlagen», sagt Buchholz.

FEHMARNSUND-QUERUNG

Die markante alte Brücke  – der so genannte «Kleiderbügel» – zwischen Festland und Fehmarn wird dem Verkehr nach Eröffnung des Fehmarnbelt-Tunnels nicht gewachsen sein. Auch hier kommt als Ersatz ein Tunnel. Die Kosten beziffert die Bahn auf 714 Millionen Euro. «Wir haben die Dokumentation der Vorplanung abgeschlossen», sagt Sprecher Peter Mantik. Insgesamt 1561 Seiten sind auf 69 Ordner verteilt. 2021 stehen Probebohrungen an, die bis 2024 angesetzte Instandhaltung der Brücke soll richtig in Gang kommen. Sie bleibt für Fußgänger, Radfahrer und langsame Fahrzeuge erhalten. Die 80 Tragseile aus Stahl müssen ausgetauscht werden. Zudem geht es um Korrosionsschutz.

AUSBAU DER WESTKÜSTEN-B5

Nach jahrzehntelangen Querelen und Klagen gegen den dreistreifigen Ausbau der Bundesstraße B 5 zwischen Husum und Tönning im Kreis Nordfriesland gelang vor vier Wochen vor dem Schleswiger Oberverwaltunngsgericht der Durchbruch: Sämtliche Klagen gegen den Ausbau wurden abgewiesen, da die Richter weder Rechtsfehler bei der Lärmprognose noch bei der Umweltverträglichkeitsprüfung zu erkennen vermochten. Geklagt hatten drei Privatleute und die Gemeinde Oldenswort. Der Spatenstich für ein B-5-Teilstück bei Husum hatte bereits im Oktober stattgefunden.

AUTOBAHN 20

Aus Sicht von Verkehrsminister Buchholz das derzeit «dickste Brett», das die Bund-Länder-Projektgesellschaft DEGES derzeit im Auftrag des Landes bohrt. Kommendes Jahr werden weitere Planungsunterlagen öffentlich ausgelegt. Seit langem endet die von Stettin kommende Autobahn östlich von Bad Segeberg. Weitere Planungen wurden aus diversen Gründen gestoppt. Das Bundesverwaltungsgericht bremste 2018 den Weiterbau erneut aus und erklärte den 20 Kilometer langen Abschnitt von der A7 bis Wittenborn für rechtswidrig – wegen wasser- und artenschutzrechtlicher Bedenken und ungenügender Berücksichtigung des Fledermausschutzes in Bad Segeberg.

Laut Buchholz und DEGES-Planungschef Bernd Rothe wird der Weiterbau wird voraussichtlich mit dem neuen Elbtunnel starten. Das allerdings geht erst, wenn auch für die anschließenden Teilstücke auf beiden Seiten der Elbe Baurecht vorliegt. Die DEGES geht davon aus, dass dies Ende 2024 für alle Abschnitte der fehlenden 80 Kilometer in Schleswig-Holstein der Fall sein wird. Auch hier sind Klagen möglich. Seriöse Angaben zu absehbaren Gesamtkosten sind laut DEGES-Sprecher Christian Merl erst nach Abschluss aller Planungen möglich.

«Auch wenn die Planungen unter der Regie der DEGES seit fast drei Jahren gut laufen, wünsche ich mir mehr Tempo», sagte Buchholz. Für den Abschnitt um Bad Segeberg habe es beim Fledermausschutz ein erhebliches Entgegenkommen gegeben, deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. «Da hätte ich mir schon gewünscht, dass die Verbände auf weitere Klagen verzichten.» Gerade zur Entlastung der Menschen in Bad Segeberg – durch die Stadt rollt starker Verkehr in Richtung A20 – sei ein rascher Autobahnbau auf diesem Abschnitt dringend nötig.

AUTOBAHN A 21

Auch hier wünscht sich Buchholz noch mehr Tempo, das zuletzt durch  Qualitätsprobleme mit der Fahrbahndecke beim Ausbau der B 404 zur A21 zwischen Kiel und der Elbe ausgebremst wurde. Von 111 Kilometern sind aktuell 56 fertig und acht Kilometer  im Bau. Zwischen Bargteheide und Stolpe rollt der Verkehr auf 50 Kilometern A21. Der Abschnitt zwischen Nettelsee und Stolpe soll 2024 geschafft sein, der zwischen Nettelsee und Klein Barkau 2025. Wann die gesamte A21 fertig wird, ist unklar: Zum Teil hat die Planung noch nicht begonnen. Weil andere Projekte höhere Priorität haben, fließen die Bundesmittel nur zögerlich. Zwischen Kiel und Stolpe fehlen 14,5 Kilometer.

RADER HOCHBRÜCKE

Die Planungsunterlagen für eine Zwillingsbrücke bei Rendsburg im Zuge der A7 wurden Ende November für einen Monat ausgelegt. Der Zustand der alten Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal ist so schlecht, dass sie nur bis 2026 hält. Dann soll die erste Ersatzbrücke freigegeben werden. Der Baustart ist für 2023 geplant. Für die zweite Brücke, die Richtung Hamburg führen wird, ist die Freigabe für 2029 vorgesehen. 62 000 Fahrzeuge täglich nutzen die Querung im Schnitt. Weil der Verkehr wächst, soll die A7 auch zwischen dem Anschluss Rendsburg/Büdelsdorf und dem Kreuz Rendsburg auf sechs Spuren erweitert werden. Gesamtkosten: 300 Millionen Euro.

NORD-OSTSEE-KANAL

Mit der Erneuerung der Uralt-Schleusen in Kiel und Brunsbüttel und dem Ausbau der engen Oststrecke bekommt die weltweit meistbefahrene künstliche Seewasserstraße endlich die über Jahrzehnte versäumte Verjüngungskur. Das ist nötig für die immer größeren Feederschiffe, die Container ins Baltikum bringen. Havarien in Schleusen und auf der Strecke stören oft den Verkehr. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. 500 Millionen Euro investiert der Bund binnen zehn Jahren in die 20-Kilometer-Engstelle zwischen Großkönigsförde und Kiel, insgesamt 2,6 Milliarden in Ausbau und Erhalt des Kanals. Die neue Schleuse in Brunsbüttel soll nun 1,2 Milliarden Euro kosten. 273 Millionen waren kalkuliert, als der Bau 2009 beschlossen wurde.

RENDSBURGER KANALTUNNEL

Ein Dauerärgernis. Die 2011 gestarteten Bauarbeiten zur Sanierung und Modernisierung des Kanals unter dem Nord-Ostsee-Kanal sollten 2014 fertig sein. Doch es folgten immer wieder Verzögerungen wegen diverser Probleme. Bis zum Spätsommer war die Rückkehr zum vierspurigen Regelbetrieb für Ende 2020 geplant. Daraus wurde nichts, weil laut Kanalverwaltung die installierte neue Leittechnik nicht startklar ist. Es fehlten wichtige Unterlagen; zudem habe ein Subunternehmen einen Programmierungsspezialisten kurzerhand woanders eingesetzt. Einen neuen konkreten Termin nannte die Kanalverwaltung nicht. Heute stellte das Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel-Holtenau dafür das zweite Quartal 2021 in Aussicht. Normalerweise passieren täglich 50 000 Fahrzeuge den Tunnel.

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