Ein Jahr Fachkräfte-Einwanderung – oder: Warum eine junge Iranerin „Sylter Bürgermeister“ backt

Die iranische Bäckergesellin Sepideh Ojaghi bei der Zubereitung der beliebten Sylter „Bürgermeister“.

Als das vom Wirtschaftsministerium geförderte Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung und Weiterbildung (KoFW) vor anderthalb Jahren erstmals eine Online-Abfrage zum Fachkräftebedarf in Schleswig-Holstein startete, war die Resonanz gewaltig: Mehr als die Hälfte der Unternehmen meldete Interesse an Fachkräften aus so genannten Drittstaaten an. Heute – genau ein Jahr nach Inkrafttreten des Fachkräfte-Einwanderungsgesetzes – arbeiten 39 junge Frauen und Männer aus Ländern außerhalb der EU im echten Norden.

Torsten Zimmermann, Bäckermeister, Lebensmitteltechniker und Assistent der Geschäftsführung bei Raffelhüschen hatte schon lange nach Verstärkung für das mittelständische Unternehmen gesucht. Aber der Arbeitsmarkt für Handwerker und besonders für Bäcker ist leergefegt. Qualifizierte deutsche Bewerberinnen und Bewerber sind Mangelware. „Als wir eine Bewerbung aus dem Iran bekamen, waren wir zunächst skeptisch: Dort backt man doch sicher ganz anders als hier.“ erinnert sich Zimmermann. Aber dann entschied er gemeinsam mit seinem Chef: „Wir geben ihr eine Chance.“

Zu Recht: Bei der Bäckerei Raffelhüschen hat Sepideh Ojaghi schnell Fuß gefasst. Viele Kenntnisse und Fähigkeiten hat sie durch ihre Ausbildung – sie hat einen Bachelor der Lebensmittelindustrie – bereits mitgebracht, die Besonderheiten der deutschen Backkunst lernt sie schnell. Ihr Arbeitgeber hat ihr eine Betriebswohnung auf der Insel zur Verfügung gestellt. Nach der Arbeit sitzt sie dort und büffelt deutsch.

Sepideh Ojaghi und Torsten Zimmermann vor Stickenöfen in der zentralen Bäckerei in Tinnum.

Das Berufs-Spektrum der inzwischen 39 angekommenen Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern reicht nach Angaben von Jörg Seiffert, Leiter Zentrale Stelle für Fachkräfteeinwanderung, von Ärztinnen und Ärzten über Pflegerinnen und Pfleger, Köchinnen und Köche bis hin zu Nautikern, IT-Fachkräften und Bauhandwerkern.

Jörg Seiffert

Allerdings erweise sich auch hier die Corona-Pandemie als erheblicher Bremsklotz – dazu sagte Seiffert gegenüber Radio-Schleswig-Holstein (RSH) – Audio starten, Pfeil klicken:

Nach den Worten von Arbeitsminister Bernd Buchholz sieht die Fachkräfteinitiative Schleswig-Holstein (FI.SH) sich durch die Zahlen in ihrer Arbeit bestätigt: „Die gezielte Gewinnung von Fachkräften aus Drittstaaten bildet neben den vielfältigen Maßnahmen zur Erhöhung und Verbesserung der inländischen Erwerbsbeteiligung eine wichtige Säule beim Ausbau des Fachkräftepotenzials im Land“, sagt Buchholz.

Die FI.SH ist eine Initiative der Landesregierung. Beteiligt ist die Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Nord (BA RD Nord). Im letzten Jahr wurde auch das Landesamt für Zuwanderung und Flüchtlinge Schleswig-Holstein (LaZuF) eingebunden. Die Behörde berät und unterstützt insbesondere Arbeitgeber, aber auch potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei den aufenthaltsrechtlichen Fragen der Fachkräfteeinwanderung. Das LaZuF hat 2020 mehr als 260 Anfragen und Anträge zur Durchführung des beschleunigten Fachkräfteverfahrens bearbeitet. In 81 Fällen wurden bereits konkrete Vereinbarungen abgeschlossen.

Die BA sieht weiterhin einen großen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften in Schleswig-Holstein. Im September 2020 waren bei den Agenturen für Arbeit in SH 21.700 offene Stellen gemeldet, rund 80 Prozent davon für Fachkräfte.

Buchholz bewertet das erste Jahr der Umsetzung des FEG positiv: „Das Interesse der Unternehmen in Schleswig-Holstein ist groß. Und ich gehe fest davon aus, dass die Fachkräfteeinwanderung noch einmal deutlich Fahrt aufnehmen wird, wenn wir die Corona-Krise mit seinen Reisebeschränkungen und den wirtschaftlichen Herausforderungen für die Unternehmen in Schleswig-Holstein hinter uns lassen können.“

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