Railcoach: So wollen Land und Wirtschaft mehr Güterverkehr auf’s Gleis bringen

Ein Berater soll künftig in Schleswig-Holstein dafür sorgen, dass Güter vermehrt mit der Bahn transportiert werden. Ein entsprechendes Papier wurde heute bei der IHK in Lübeck auf der ersten Bahnkonferenz des Landes vorgestellt.

Madsen mit DB-InfraGo-Vorstand Peter Nagel (rechts), Lübecks Hafenchef Sebastian Jürgens (3.v.l.), der DB-Konzernbevollmächtigten Ute Plambeck sowie Björn Ipsen von der IHK Flensburg

Ein sogenannter Railcoach soll in Schleswig-Holstein künftig eine stärkere Verlagerung von Gütern auf die Bahn im Land koordinieren. Eine vorgelagerte Studie dazu haben Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU), der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schleswig-Holstein, Hagen Goldbeck, und der Vorsitzende der Logistikinitiative Schleswig-Holstein, Holger Matzen, nun bei einer Konferenz in Lübeck vorgestellt. Dort hatten sich Vertreter der IHK, des Gesamtverbandes Schleswig-Holsteinischer Häfen (GvSH) und der Logistikinitiative Schleswig-Holstein zur ersten Bahnkonferenz des Landes getroffen.

Madsen sagte nach der Konferenz – Video starten:

Die Verlagerung von Lkw-Transporten auf die Schiene werde zunehmend wichtiger für den Klimaschutz und die Entlastung des Straßennetzes, sagte Madsen. Allerdings bliebe das volle Potenzial des schienengebundenen Verkehrs häufig ungenutzt. Das soll der Railcoach ändern. «Er soll die Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Güterverlagerung sein», sagte Goldbeck. Solche Schienengüterverkehrsberater sind nach Angaben der IHK bereits in anderen Bundesländern erfolgreich im Einsatz.

Auftraggeber und Autor der Studie (v.l.): Holger Matzen (Logistikinitiative SH), Studienautor Julian Knoch (ESE), Minister Madsen und Lübecks IHK-Präsident Hagen Goldbeck.

Auf der Bahnkonferenz ging es in Vorträgen und Diskussionsrunden um die Anforderungen der Wirtschaft an das Schienensystem vor allem zu und von den Häfen. Dazu gehöre mittelfristig auch eine Reaktivierung von Gleisanschlüssen, um den Gütertransport nachhaltig auf die Schiene umzustellen.

Für eine Sanierung des rund 1.350 Kilometer umfassenden Schienennetzes im nördlichsten Bundesland sind laut Bundesverkehrsministerium erhebliche Mittel erforderlich. In einer Antwort auf eine Anfrage des SSW-Bundestagsabgeordneten Stefan Seidler habe das Bundesverkehrsministerium den Sanierungsstau auf rund zwei Milliarden Euro beziffert, heißt es in einem Bericht des «shz» vom Dienstag. Allein für die Sanierung der Gleise sind danach rund 800 Millionen Euro erforderlich, für die Erneuerung der Stellwerke und Weichen weitere 300 Millionen Euro.

Hier ein Stream-Mitschnitt des Pressegesprächs:

Ein weiteres Thema des Treffens: Die Bahnstrecken Lübeck-Hamburg und Kiel-Hamburg sind schon jetzt mehr als ausgelastet und sanierungsbedürftig. Spätestens mit der Fertigstellung des Fehmarnbelt-Tunnels 2029 droht die Überlastung. Bund und Deutsche Bahn investieren in das Schienennetz, die geplanten monatelangen Vollsperrungen der Hauptverbindungen könnten aber die Unternehmen hart treffen.

„Wenn wir nicht handeln, sind die Häfen vom Schienenverkehr abgeschnitten und droht uns der Stillstand“, sagte Lübecks IHK-Präses Goldbeck mit Blick auf die geplanten Vollsperrungen. Bei allem Verständnis für die notwendigen Sanierungen und Ausbauarbeiten, fragen nicht nur die Häfen, ob so viele Vollsperrungen nötig sind? „Hinzu kommt, dass es auch einige Sperrungen schon im Vorfeld der Großprojekte geben muss, um Umleitungswege zu ertüchtigen. Jetzt scheint es sich zu rächen, dass kaum Umleitungsstrecken zum Beispiel durch Reaktivierungen von stillgelegten Strecken und Bypässe vorhanden sind.“ Goldbeck fordert, jetzt mit der Suche nach Alternativen zu beginnen, damit die Häfen weiterarbeiten können.

Deren Rolle habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. „Die Systemrelevanz der Häfen zeigt sich heute mehr denn je – über den Güterumschlag hinaus tragen sie zur Versorgungssicherheit mit Waren und Energie bei“, sagte GvSH-Vorstandsvorsitzender Frank Schnabel. Damit die Häfen funktionieren, bedürfe es leistungsfähiger Bahnanbindungen. Schnabel appellierte daher an Politik und Deutsche Bahn, die Bedeutung der Häfen für das ganze Land zu erkennen. Auch Professor Dr. Sebastian Jürgens, Geschäftsführer der Lübecker Hafen-Gesellschaft mbH (LHG) und Vizepräsident des Zentralverbands der Seehäfen, betonte die Dimension Schleswig-Holsteins aus europäischer Sicht: Das nördlichste Bundesland liege zentral zwischen Mitteleuropa und Skandinavien und erfülle wichtige Aufgaben für den Güterverkehr. Er forderte Investitionen in das Schienennetz, denn dieses sei zurzeit das schlechteste in den deutschen Bundesländern.

Im Hinblick auf die Finanzierung in die Schieneninfrastruktur liegt Schleswig-Holstein aus Sicht von Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen noch „in der Peripherie“. Der Bahn-Konzern habe bisher sehr viel in die Beseitigung von Engpässen in Ballungsgebieten in Deutschland investiert. Er erwarte daher die Sanierung und den Ausbau der Netzinfrastruktur im Norden. „Wir sind ein Bahn-Land, das heißt aber nicht, dass alles zu unserer Zufriedenheit funktioniert“, sagte er. Der Ausbau sei aber nicht allein eine Frage der Finanzierung. Vor allem die Planung dauere zu lange, zehn bis 15 Jahre seien nicht akzeptabel. Zudem gebe es immer wieder Verzögerungen durch Einsprüche von Projektgegnern. Die Regierungsbildung im Bund sieht er als Chance, im politischen Berlin für Schleswig-Holstein zu werben.

Die Botschaften richteten sich in der Konferenz vor allem an Dr. Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der DB InfraGO AG. „Wir müssen alles tun, um die Infrastruktur zu verbessern“, sagte er einleitend. Immerhin habe der Konzern bundesweit einen Erfolg zu vermelden: Erstmals seit zwei Jahrzehnten gebe es keine Verschlechterung der Schienen-Infrastruktur. Der Konzern habe im Kampf gegen den Verfall Fortschritte erzielt und belegt: „Es geht!“ Er stellte heraus, dass die Bahn die Erfahrungen anderer Großprojekte zur besseren Koordination der Baustellen nutzen wolle. Zudem sagte er zu, den Zeitplan zur Fertigstellung der Bahnanbindung an die feste Fehmarnbelt-Querung einzuhalten und gleichzeitig mit den Dänen im September 2029 fertig werden zu wollen.

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