Seit April dürfen nur um 12 Uhr Spritpreise an Tankstellen erhöht werden. Die Regel ist seit ihrer Einführung umstritten. Freitag befasst sich der Bundesrat auf Antrag Schleswig-Holsteins mit dem Thema. Wirtschaftsminister Madsen will die Regel wieder abschaffen.
In der Debatte um hohe Spritpreise bekommt die umstrittene 12-Uhr-Regel an den Tankstellen immer mehr Gegenwind. Auf Vorstoß Schleswig-Holsteins befasst sich der Bundesrat übermorgen mit einer Abschaffung der Tankregel. «Diese Regel hat bislang einfach keinen erkennbaren Entlastungseffekt beim Tanken gezeigt», sagte Wirtschafts- und Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen der Deutschen Presse-Agentur. Sie habe nicht für mehr Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit bei den Spritpreisen gesorgt. Nach seinem Eindruck verschafften sich Tankstellen in der Praxis mit einem deutlichen Preissprung einen Puffer für den weiteren Tagesverlauf.

Im Wirtschaftsausschuss der Länderkammer fand der Vorstoß aus dem Norden bereits eine deutliche Mehrheit. «Die Regel verändert zwar den zeitlichen Ablauf der Preisbildung an den Tankstellen, sie hat bislang aber nicht zu einer nachhaltigen Senkung des Preisniveaus in Deutschland geführt», sagte Madsen. Folge sei lediglich eine Nachfragespitze kurz vor 12.00 Uhr. «Nachmittags herrscht auf den Tankstellen zum Teil gähnende Leere.»

Zudem beklagt die Landesregierung einen immensen Verwaltungsaufwand durch die Bearbeitung eventueller Verstöße. Seit April gab es allein in Schleswig-Holstein laut Markttransparenzstelle-Kraftstoffe des Bundeskartellamts 28.000 auffällige Preisänderungen. Im Juli wurde mit 6.634 Fällen der höchste Wert registriert. Den Zahlen liegen grundsätzlich alle Preiserhöhungen vor oder nach 12.00 Uhr zu Grunde. Sie sind nach Ministeriumsangaben ohne konkrete Einzelfallbetrachtung aber nur bedingt aussagekräftig. Dies liege an dem Umstand, dass eine Preiserhöhung beispielsweise um 12.01 Uhr zwar zunächst als auffällig bewertet würde, die verspätete Meldung aber auf technische Verzögerungen zurückzuführen sein könnte.
Im Gespräch mit Journalisten sagte Madsen dazu heute – Audio starten, Pfeil klicken…
Die Bundesregierung hat die 12-Uhr-Regel zum 1. April eingeführt, um den Anstieg der Spritpreise wegen des Iran-Kriegs zu dämpfen. Mittlerweile hat die schwarz-rote Bundesregierung einen neuerlichen Tankrabatt und einen Spritpreisdeckel angekündigt. Vom 1. Oktober bis 31. Dezember soll die Energiesteuer auf Diesel und Benzin um rund 14 Cent pro Liter gesenkt werden. Die Mehrwertsteuer eingerechnet ergibt sich laut Regierung an der Zapfsäule eine Entlastung von bis zu 17 Cent pro Liter.

Mit dem Tankrabatt will die Bundesregierung die seit dem Iran-Krieg deutlich gestiegenen Preise an den Tankstellen abfedern. Einen identischen Rabatt hatte es bereits im Mai und Juni gegeben. Damals wurden die Preise deutlich gedämpft, die Mineralölkonzerne gaben die Steuersenkung allerdings nicht vollständig an Autofahrer weiter.
Mitte August forderten auch die freien Tankstellen die Abschaffung der Regel. Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung fand in einer Studie heraus, dass die Tankregel der Mineralölindustrie zusätzliche Gewinne verschafft. Bei Superbenzin lag die Gewinnmarge in den ersten zwei Wochen nach Einführung der Regel demnach im Schnitt um 6 Cent pro Liter höher als in den zwei Wochen davor. Für Diesel fanden die Forscher des ZEW und des DICE keinen eindeutigen Effekt.
Dem ZEW zufolge führt die einmalige Preiserhöhung zudem zu höheren Durchschnittspreisen. «Die Preise sind während der Mittagszeit bis in die Abendstunden systematisch erhöht, während die Preise in den Morgenstunden tendenziell unter den Tagesdurchschnitt fallen», hieß es im April. Vor der 12-Uhr-Regel hätten die Verbraucher über den Tag zahlreiche Gelegenheiten gehabt, günstiger zu tanken. Auch das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung bewertete die Maßnahme negativ.
Auch Verbraucherschützer äußerten sich kritisch zur Tankregel – unter anderem, weil die günstigsten Preise ausgerechnet am späten Vormittag erreicht werden. «Diese Zeit ist für die meisten Berufstätigen allerdings ungünstig», sagte Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, im April.
Im zugehörigen «Gesetz zur Anpassung von Kraftstoffpreisen» heißt es, dass das Bundeswirtschaftsministerium die Auswirkungen der 12-Uhr-Regel auswerten und ein Jahr nach der Einführung unter anderem dem Bundestag darüber berichten muss. Überlegungen zu einer Abschaffung gebe es nicht, teilte das Ministerium mit.



































