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Von Industriegespräch bis „Kräfte-Hack“: Julia Carstens trommelt für Fachleute von morgen

Gestern Brunsbüttel, heute Kiel – von West bis Ost im echten Norden dreht sich für unsere Wirtschafts-Staatssekretärin Julia Carstens seit gestern fast alles um das Thema Fachkräfte. Beim Brunsbütteler Industriegespräch warb sie für unsere Fachkräfte-Initiative, heute beim zweiten Kieler Kräftehack fischte sie als Jury-Mitglied selbst im Pool der besten Ideen der insgesamt 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Julia Carstens vom zweiten Kieler „Kräfte-Hack“ in Holtenau

Dabei kreist alles stets um diese Frage: Was können Unternehmen tun, um Fachkräfte dauerhaft zu gewinnen? Alles weitere erzählt Julia Carstens direkt von „Waterkant“ auf dem Holtenauer MFG-5-Gelände selbst. Video starten…

Madsen sieht Lücken im 66-Punkte-Plan der Ampel für souveräne Maritime Wirtschaft

Der Bundestag hat heute ein 66 Punkte umfassendes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, mit dem die Berliner Ampelkoalition die Maritime Wirtschaft und ihre knapp 400.000 direkt und indirekt Beschäftigten stärken und souverän machen will. Es geht unter anderem um die Sorge, dass die zunehmende Dominanz asiatischer Staaten beim Schiffsbau, in der Wasserstraßen-Infrastruktur oder bei Energietransporten über das Meer die deutsche Wirtschaft in neue Abhängigkeiten bringt.

Segelboot vor der Halle der Flensburger Schiffbaugesellschaft FSG. grafikfoto.de

Nach den Worten von Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen spielt dabei das nördlichste Bundesland mit seinen Werften und Zulieferbetrieben eine erhebliche Rolle: Mit landesweit 2.100 Unternehmen, die der maritimen Wirtschaft  zugerechnet werden, steuert Schleswig-Holstein zum bundesweiten Umsatz von knapp 47 Milliarden Euro gut 11 Milliarden Euro bei.

Madsen sieht in dem Antrag der Berliner Regierungsfraktionen, dem sich auch der einzige SSW-Abgeordnete angeschlossen hat, «viele gute Ansätze, aber auch deutliche Lücken». Vor allem vermisst er aus Sicht Schleswig-Holsteins und anderer Küstenländer bei den großen Zielen der Ampel Hilfestellungen für kleinere Werften, eine klare Finanzierungslinie für den Erhalt und Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals sowie eine Erwähnung des Elbe-Lübeck-Kanals samt seiner Chancen für eine autonome Binnenschifffahrt. Auch die CDU-Bundestagsfraktion hatte einen 95-Punkte-Antrag eingebracht, der allerdings keine Mehrheit fand.

Claus Ruhe Madsen

Minister Madsen, Sie sehen in dem Forderungskatalog von SPD, Grünen und  FDP viel Licht, aber auch Lücken. Beginnen wir mit dem Licht…

Das Licht sehe ich vor allem in der Tatsache, dass sich die Regierungsfraktionen, aber auch die CDU, überhaupt massiv hinter das Thema klemmen. Denn die so genannte „Old Economy“ scheint angesichts des allgegenwärtigen Mega-Themas KI, also der Künstlichen Intelligenz, zuweilen etwas aus dem politischen Fokus zu geraten. Bei nahezu allen genannten 66 Forderungen kann ich mitgehen – auch, wenn viele Selbstverständlichkeiten darin enthalten sind. Aber die meisten Ansätze werden helfen, die Maritime Souveränität Deutschlands zu erhalten oder wiederzuerlangen. Und gut ist auch, wenn erkannt wird, welche Schlüsselrolle der Maritimen Wirtschaft bei den Klimazielen oder der Energieunabhängigkeit zufällt. Richtig und wichtig ist zudem der Vorstoß bei der Bergung von Munitions-Altlasten in den Meeren, zumal gerade Schleswig-Holstein hier über hohe Kompetenzen verfügt.

Und die Lücken im 66-Punkte-Plan?

Auf mich wirkt das Papier an einigen Stellen etwas aus der Zeit gefallen – genauer gesagt in die frühen 2000er Jahre, als wir noch deutlich mehr Werft-Kapazitäten hatten und  kein so ausgewachsenes Fachkräfte-Problem wie heute. Wenn etwa so getan wird, als könnten unsere Werften ab morgen oder übermorgen auf Knopfdruck hochkomplexe Offshore-Umspann-Plattformen oder Spezialschiffe wie Kabelleger bauen, dann ist das aus meiner Sicht etwas blauäugig. Das haben einige CDU-Abgeordnete in der Debatte auch sehr deutlich gemacht. Der Energiekonzern RWE etwa lässt seine nächsten Konverter-Plattformen nicht umsonst in Frankreich bauen. Unseren Werften fehlt zumeist für solche Aufträge nicht nur die Fläche, sondern angesichts ihrer mittelständischen Größe auch die Finanzierungsmöglichkeit und in weiten Teilen das entsprechende Personal. Wenn wir also verhindern wollen, dass die Wertschöpfung weiterhin im Ausland stattfindet, muss die Bundesregierung gerade auch den kleinen- und mittelständischen Werften den Einstieg in dieses Segment ermöglichen. Und das heißt: Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten schaffen. Und entsprechend auch unsere Häfen und Wasserstraßen stärken. Jeder Seehafen sollte per Straße, Schiene und Wasserweg gut angebunden sein.

Zum Thema der Konverter-Plattformen und Speizalschiffe sagte in der heutigen Bundestags-Debatte der CDU-Wirtschaftspolitiker Oliver Grundmann:

Wo konkret sehen Sie bei den Häfen oder Wasserstraßen im Norden denn Nachholbedarf?

In erster Linie beim Nord-Ostsee-Kanal. Zwar bekennt sich die Koalition mit Blick auf die Bedeutung für Energiewende und Sicherheitslage in ihrem Papier ausdrücklich zum Erhalt und Ausbau dieser Wasserstraße – nur ist über diese Worte hinaus bislang keine deutliche Finanzierungslinie absehbar. Dasselbe gilt für die Seehäfen. Wenn die Koalition heute sagt: Unsere Seehäfen sind von nationaler Bedeutung, dann muss sich das auch im Haushalt wiederspiegeln. Ebenso vermisse ich ein Wort zum Elbe-Lübeck-Kanal. Zwar kommt dieser Wasserweg nicht ansatzweise der Bedeutung des NOK gleich, aber wenn wir über Binnenland-Handelswege bei gleichzeitiger Mobilitätswende nachdenken, dann ist das eine vertane Chance. Der Elbe-Lübeck-Kanal kann beispielsweise ein ideales Testfeld für autonom fahrende Binnenschiffe sein  – denn man darf nicht vergessen: Ein Binnenschiff ersetzt bis zu 300 Lkw. Und mit Blick auf unseren starken Ostsee-Hafen Lübeck erwarte ich vom Bund auch, dass nicht nur die Elbe im Zuge des Sediment-Managements für zukünftige Schiffsgrößen befahrbar gehalten wird, sondern beispielsweise auch die Trave zwischen Ostseemündung und Skandi- oder Seelandkai.

Ein großes Thema des Beschlusses ist neben Souveränität und Klimawende auch die Ausbildung – hakt es dort aus Ihrer Sicht auch?

Und ob. Wir haben gemeinsam mit den Sozialpartnern in verschiedenen Bündnis-Formen zwar schon eine Menge Fachkräfte-Initiativen auf den Weg gebracht. Aber wie wir an der Personaldecke in allen Bereichen der Branche sehen, fehlt es immer mehr an Fachleuten. Ausbildung, aber eben auch die Jobs selbst müssen darum attraktiver gemacht werden. In Flensburg bieten wir zwei höchstwertige Studiengänge an – für Schiffsbetriebstechnik und für Nautik. Eine einmalige Chance also, qualifiziertes Personal auszubilden und die jungen Frauen und Männer als eine Art Botschafter für den maritimen Ausbildungs-Standort Deutschland auf die Weltmeere zu entsenden. Doch dazu fehlt es an Unterstützung aus der Wirtschaft – beispielsweise seitens der derzeit gut verdienenden Reedereien, die ja eigentlich ein hohes Eigeninteresse haben sollten.

Hier die heutige Rede des neuen Maritimen Koordinators der Bundesregierung, Dieter Janecek:

Für einen wetterfesten Mittelstand: Land startet 50 Millionen schweren „Innovationsfonds SH“

Um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) durch die schwächelnde Konjunktur zu bringen, hat das Wirtschaftsministerium einen Fonds für Firmengründer und innovative Unternehmen aufgelegt: Das Land und seine Förderinstitute stellen dafür 50 Millionen Euro bereit. Vorausgegangen war laut Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und seiner Staatssekretärin Julia Carstens eine Studie der Prognos AG.

Angesichts zunehmend knappen Risikokapitals für Start-ups und andere innovative Betriebe startet die Landesregierung ab heute erstmals einen «Innovationsfonds» mit einem Volumen von 50 Millionen Euro. «Im vergangenen Jahr haben allein deutsche Start-ups über 43 Prozent weniger Risikokapital einwerben können als noch 2021 und die Aussichten werden angesichts steigender Kapitalkosten auch für Existenzgründerinnen und –gründer oder Handwerksbetriebe nicht besser», sagte dazu Wirtschafts-Staatssekretärin Julia Carstens der Deutschen Presse-Agentur. Gerade in Zeiten schwächelnder Konjunktur sei geboten, Innovationen nicht abzuwürgen, sondern zu befeuern.

Laut Carstens richtet sich der «Innovationsfonds SH» nicht nur an Start-ups und Gründer, sondern generell an kleine und mittlere Unternehmen wie etwa auch Handwerksbetriebe. «Wir werden zudem auch Unternehmensnachfolgen mit diesem Beteiligungskapital unterstützen», sagt die CDU-Politikerin. Über einen Antrag bei der zuständigen Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) oder der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein mbH (MBG) können innovative Betriebe aus dem Fonds stilles Beteiligungskapital, Gesellschafterdarlehen mit Wandlungsoption oder offenes Beteiligungskapital erhalten. Finanziert werde das neue Angebot gut zur Hälfte aus EU-Mitteln sowie aus Mitteln des Landes, der IB.SH und der MBG. Zu einem Antrag gegt es hier

Der Auflegung des Fonds war nach den Worten von Carstens eine Studie der Prognos AG vorausgegangen. Danach steht der Zielgruppe des Innovationsfonds SH aufgrund einer festgestellten Marktschwäche Risikokapital nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. «Hier soll der neue Fonds gezielt Abhilfe schaffen. Aber das bedeutet einerseits, dass der Fonds höhere Risiken eingehen muss. Andererseits investiert er aber nur in solche Gründungsvorhaben, bei denen mit einem Rückfluss der Mittel zu rechnen ist, die dann wiederum in den Fonds investiert werden», sagt Carstens.

Carstens vor drei Wochen bei einem Gespräch mit Google-Mitarbeiterinnen im Silicon Valley in San Francisco – auch in den USA mangelt es zunehmend an Risikokapital

Die abflauende Bereitschaft von Investoren, für junge und innovative Unternehmen Risikokapital bereit zu stellen, ist für Carstens längst nicht mehr nur ein deutsches oder europäisches Phänomen: «Bei unserer jüngsten USA-Delegationsreise ins Silicon Valley wurde auch dort eine massive Zurückhaltung beim Bereitstellen von Risikokapital beklagt. Die einzige Ausnahme bildete zu Zeiten von Corona noch die Biotech-Branche und heute noch Teile der Life-Science-Unternehmen.»  

Madsens „Mississippi-Feeling“ beim 247. Independence Day der Vereinigten Staaten

Madsen mit US-Generalkonsul Jason Chue (Mitte) und Hamburgs Innensenator Andy Grote

Beim vorgestrigen Jahresempfang der Lübecker IHK hatte Minister Madsen die große Bühne seinem Ministerpräsidenten überlassen – heute Abend revanchierte sich Daniel Günther und überließ beim 247. Unabhängigkeitstag der USA die Planken des Mississippi-Schufelraddampfers „Lousiana Star“ seinem Wirtschaftsminister. Madsen erinnerte bei der Fahrt auf der Elbe nicht nur an die 500 Jahre alten Handelsbeziehungen beider Kontinente, sondern sprach auch die aktuellen Herausforderungen an.

So kenne etwa der Klimawandel keine nationalen Grenzen, sagte er. Deshalb sei es entscheidend, als globale Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um die Probleme gemeinsam anzugehen. „Unsere Länder sind da auf einem sehr guten Weg. Vor Kurzem war eine Delegation aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in den USA. Und sie hatte die Chance, bei vielen spannenden Unternehmen reinzuschauen und über Themen wie Künstliche Intelligenz zu sprechen. Auch grüne Energie und Klimawandel standen ganz oben auf der Agenda.

Madsen erinnerte weiter daran, dass zwischen San Francisco und Kiel seit einigen Jahren eine Städtepartnerschaft bestehe und Schleswig-Holstein und Hamburg im Silicon Valley seit mittlerweile fünf Jahren das Northern German Innovation Office betreiben.

„Wir haben erkannt: Wenn wir Forschung und Innovationen voranbringen wollen, dann brauchen wir diesen Austausch. Dann müssen wir zusammenarbeiten und unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammenbringen. Deshalb freut es mich umso mehr, dass wir heute hier zusammen sind. Wir feiern nicht nur den Unabhängigkeitstag der USA, sondern dürfen auch die Verbundenheit unserer Länder feiern“, so Madsen.

Deutschland-Ticket-Boom im echten Norden: Land und NAH.SH bieten ab Juli viele Neuerungen

Nach dem erfolgreichen Start des Deutschland-Tickets – von dem allein im Schleswig-Holstein-Tarif bislang rund 88.200 Exemplare verkauft wurden – stellt die Landesregierung weitere Weichen: Wie Verkehrs-Staatssekretär Tobias von der Heide heute zusammen mit NAH.SH-Geschäftsführer Arne Beck erläuterte, können ab 1. August die rund 3.000 Freiwilligendienst-Leistenden im Land einen Zuschuss zum Deutschlandticket erhalten. Zum 1. September werde zudem das Job-Ticket auf Betriebe mit weniger als fünf Beschäftigten ausgedehnt. Und zum 1. Juli starte das so genannte Semesterticket-Upgrade. Studierende müssen dann nur noch die Differenz zwischen ihrem Semesterticket-Preis und den 49 Euro für das Deutschland-Ticket nachzahlen. Je nach Hochschule seien das zwischen 14,82 Euro und 18,49 Euro im Monat.

Wie von der Heide sagte, seien durch das Deutschland-Ticket schon jetzt 20.000 neue Abonnentinnen und Abonnenten gewonnen worden, was einer Steigerung von 30 Prozent entspreche. „Wir verzeichnen eine weiter steigende Nachfrage, so dass ich noch in diesem Jahr mit mehr als 100.000 verkauften Tickets rechne.“ Für die Landesregierung sei dies weiterer Ansporn, den Schienenverkehr sowie den gesamten ÖPNV weiter auszubauen und den Landesweiten Nahverkehrsplan umzusetzen.

„Wir haben uns in der Koalition darauf verständigt, weiter in die Schieneninfrastruktur zu investieren und sogar neue Projekte aufzunehmen“, sagte von der Heide. Als Beispiele nannte er die Bäderbahn in der Lübecker Bucht und den Gleisanschluss von Geesthacht. „Mit dem Fahrplanwechsel 2024 werden wir zudem weitere Bahnangebote in den Randzeiten schaffen und modernere Fuhrparks beschaffen.“

Hier ein Livestream-Mitschnitt des Pressegesprächs:

Wie NAH.SH-Chef Beck mit Blick auf das Freiwilligendienst-Ticket erläuterte, sei die Basis dafür immer das Deutschland-Ticket als Jobticket. „Das heißt: Nur, wenn ein Rahmenvertrag des Arbeitgebers vorliegt und der Arbeitgeber mindestens 15 Euro Zuschuss zahlt, dann gewährt auch das Land einen Zuschuss von 16,55 Euro.“ Der Freiwilligendienst-Leistende zahle dann nur 15 Euro für sein Deutschland-Ticket.

Mit Blick auf das Semesterticket-Upgrade sagte von der Heide: „Ich bin froh, dass die zuständige Bahntochter DB-Vertrieb nun die hohen organisatorischen und technischen Hürden auch für uns genommen hat.“ Das Upgrade sei sowohl digital als auch auf Papier möglich – das Papierticket habe allerdings einen Bestellvorlauf und sei erst ab dem 1. August erhältlich. Der Anteil von Papier-Tickets beim Semesterticket liegt bei rund 10 Prozent.

NAH.SH-Chef Beck erinnerte daran, dass die Umsetzung technisch sehr komplex sei. So müsse bei der Ausgabe des Tickets unter anderem geprüft werden, ob der Besteller wirklich Student sei. Dafür bedürfe es eines Abgleichs mit den Datenbanken der Hochschulen. Beck und von der Heide gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der rund 55.000 Studierenden in Schleswig-Holstein das Upgrade kaufen werden. Mit Blick auf diejenigen Studenten, die im Mai und Juni neben ihrem Semesterticket zusätzlich das Deutschland-Ticket zum Vollpreis gekauft haben und damit doppelt zahlten, sagte Beck: „Wer im Mai und Juni ein Semesterticket und ein Deutschlandticket hatte, kann sich bei seinem AStA für Mai und Juni vom Semesterticket befreien lassen. Der zu viel gezahlte Betrag wird dann an die Studierenden zurückerstattet.“

Zum Procedere des Ticket-Upgrades sagte Beck im Gespräch mit Journalisten weiter – Audio starten, Pfeil klicken…


Ministerpräsident als Mutmacher für den Standort SH beim IHK-Empfang in Lübeck

Im Kabinett segnete er heute früh noch unseren 40-Seiten langen „Bericht zur Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Schleswig-Holstein“ ab. Heute Abend adressierte Ministerpräsident Daniel Günther daraus die Kernpunkte auf ebenso leidenschaftliche wie launige Weise an die über 300 Gäste des diesjährigen Empfangs der IHK zu Lübeck – darunter natürlich auch Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und zahlreiche weitere Kabinettsmitglieder.

Was dem Regierungschef des echten Nordens Mut macht , warum die Baden-Württemberger bald Norddeutsch lernen müssen – und warum wir uns keineswegs hinter Amerika verstecken müssen…

Hier ein paar Schlaglichter aus der eben beendeten Rede:

Ministerpräsident Daniel Günther in der Lübecker MuK

Wirtschaftspolitischer „Reling-Schnack“: Madsen und BDI-Chef Russwurm im Austausch

Russwurm (rechts) heute mit Madsen bei der Begleitung der Windjammer-Parade auf der Kieler Förde auf Einladung von Thyssen-Krupp Marine Systems, deren Aufsichtsratsvorsitzender Russwurm ist.

Zuletzt sorgte er mit Forderungen nach einer 42-Stunden-Woche zur Eindämmung des Fachkräftemangels für Schlagzeilen oder rechnete beim Tag der deutschen Industrie vor einer Woche scharf mit Bundeskanzler Scholz und dem Wirtschaftskurs der Ampel ab: BDI-Chef Siegfried Russwurm scheut weder klare Worte noch Konflikte, wenn es um den Wirtschaftsstandort Deutschland geht. Immerhin hatte er bei der heutigen Windjammer-Parade auf der Kieler Förde zusammen mit Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen etwas Gelegenheit, einmal tief durchzuatmen und weit zu blicken.

Das Thema Wirtschaftspolitik begleitete die Gäste an Bord der „Herkules“ von Thyssen Krupp Marine Systems (tkms) allerdings so eng, wie die Windjammern auf der Kieler Förde selbst. Bei einem „Reling-Schnack“ tauschten sich Madsen (zugleich Arbeitsminister) und Russwurm (zugleich tkms-Aufstichtsratschef) unter anderem über Wege aus der Fachkräftelücke aus. Einig waren sich beide darin, dass die Tarifverträge künftig mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten ermöglichen müssen und auch der Technologietransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft noch steigerungsfähig sei.

Madsen erläuterte dem BDI-Chef unter anderem die Pläne der Landesregierung zur Einrichtung eines Welcome-Centers noch in diesem Jahr. «Ein wesentlicher Hebel gegen die allein für Schleswig-Holstein prognostizierte Lücke von bis zu 500.000 Fachkräften im Jahr 2035», sagte Madsen. Das Center unter dem Dach der „Wirtschaftsförderung und Technologie Transfer Schleswig-Holstein GmbH“  (WT.SH) solle sowohl internationale Fachkräfte und deren Familien unterstützen, als auch Unternehmen in Schleswig-Holstein als Anlauf-, Erstberatungs- und Informationsstelle für alle Fragen der Personalbeschaffung und Integration internationaler Fachkräfte dienen.

Ein weiteres Thema des Reling-Gesprächs: Die spürbare Ungeduld der deutschen Industrie bei der Realsisierung des im Februar 2022 vom Kanzler angekündigten 100-Milliarden-Rüstungsprogramms. Ein Thema, das Madsen am Mittwoch auch bei der Länder-Konferenz der Wirtschaftsminister in Bayern gesetzt hatte.

Dazu hatte Madsen erklärt:

Länderminister wollen Industrie-Strompreis und mehr „Wumms“ bei der Wehrtechnik

Madsen und sein bayrischer Kollege Hubert Aiwanger

Die Wirtschaftsministerinnen und -minister der 16 Bundesländer haben den Bund einstimmig aufgefordert, rasch einen günstigen Industriestrompreis einzuführen. Parteipolitische Unterschiede habe es bei dem Treffen nicht gegeben, sagten Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen, seine Hamburger Kollegin Melanie Leonhard und Gastgeber Hubert Aiwanger aus Bayern heute nach der Konferenz im oberbayerischen Hohenkammer. «Der Transformationsstrompreis muss zeitnah eingeführt werden und sollte einfach, ohne hohen bürokratischen Aufwand zugänglich und umsetzbar sein», heißt es in der vorläufigen Fassung des Beschlusses. Parallel dazu haben sich heute auch die Finanzminister der Länder mehrheitlich für die Einführung eines Industriestrompreises ausgesprochen.

Melanie Leonhard

Der Appell der Wirtschaftsministerkonferenz richtet sich in erster Linie an Finanzminister Christian Lindner und seine FDP, die Zuschüsse zu den Stromrechnungen der Unternehmen ablehnen. Um nicht in Konflikt mit beihilferechtlichen EU-Vorschriften zu geraten, soll der Industriestrompreis nach dem Beschluss der Länderminister allerdings nur für Industrieunternehmen gedacht sein und nicht für das Handwerk – obwohl viele Minister das befürworteten. «Wir haben hier schweren Herzens einen Schwerpunkt gesetzt», sagte die Hamburger SPD-Politikerin Leonhard.

Europarechtlich würde der Industriestrompreis demnach als «besonderer Ausgleichsmechanismus» definiert. Einen solchen habe die EU bereits einmal akzeptiert, so Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). «Wir werden den Bäcker und Metzger nicht in diese Liste hineinbringen, weil die EU sonst sagt, ich akzeptiere überhaupt nichts.» Für kleine Betriebe wollen die Minister nach Aiwangers Worten andere Hilfsmöglichkeiten finden.

Madsen im Gespräch mit Habeck

«Die Einigung muss auf Ebene der Bundesregierung erfolgen», sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) über die Diskussionen mit der FDP. «Da sind wir noch nicht. Aber die Haushaltsberatungen und das parlamentarische Verfahren beginnen jetzt erst.» Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) hatte sich im Mai skeptisch über einen subventionierten Industriestrompreis geäußert.

Mit Blick auf die Industrie machte Schleswig-Holsteins Ressortchef Madsen (CDU) bei der Konferenz auch noch einmal die Belange der Wehrtechnik in Deutschland klar. So habe der Überfall auf die Ukraine verdeutlicht, dass Deutschland stärker in seine Verteidigungsbereitschaft und Bündnisfähigkeit investieren und die Nato stärken müsse. Eine moderne, wettbewerbs- und leistungsfähige nationale Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sei eine unverzichtbare Grundlage für die Sicherheitsvorsorge. Jetzt zeigt sich, wie wichtig Frieden und Sicherheit als Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben, soziale Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind.

Er sagte in der Pressekonferenz – Video starten:

Laut Madsen fehle nach wie vor der versprochene „Wumms“ bei der Umsetzung des Sondervermögens „Bundeswehr“ in Höhe von 100 Milliarden Euro. Das sei aber angesichts von Planungs- und Lieferzeiten für notwendige Investitionen und Rüstungsvorhaben ein elementarer Schritt. Es sei verteidigungspolitisch geboten, dass die deutsche Sicherheits- und Wehrindustrie angesichts ihrer herausragenden Expertise schnell und planungssicher an dem Sondervermögen partizipiere. «Und dass dadurch in wirtschaftlicher Hinsicht Wertschöpfung in die Bundesländer geholt werden kann und gut bezahlte Arbeitsplätze gesichert werden», so Madsen.

Madsen und Länderkollegen im Schulterschluss gegen Kürzung regionaler Wirtschaftsförderung

Madsen am Rande der Konferenz im Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck

Breiter Schulterschluss gegen die von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) angekündigte Kürzung des Förderprogramms „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) um 300 Millionen Euro. Bei der soeben in München beendeten Sommerkonferenz der Länder-Wirtschaftsminister – an der auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zeitweise teilnahm – wurden die Pläne des Bundes als «kontraproduktiv» und «fatal» für die wirtschaftliche Entwicklung kritisiert.

Laur Plänen von Lindner sollen die Mittel für strukturschwache Regionen – darunter fällt in weiten Teilen auch Schleswig-Holstein – im Bundeshaushalt 2024 von jetzt 650 auf dann 350 Millionen Euro sinken. Die Bund-Länder-Programme insgesamt sollen um mindestens 900 Millionen Euro zusammengestrichen werden.

Madsen und Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sagten nach der Wirtschaftsministerkonferenz – Video starten….

Madsen erinnerte daran, dass GRW das Haupt-Wirtschaftsförderinstrument für strukturschwache Regionen sei. Eine Kürzung der Bundesmittel um 300 Millionen Euro bedeute zusätzlich einen Verlust in gleicher Höhe aus den Landeshaushalten. Die Auswirkungen auf die Zielgruppe der GRW-Förderung – Unternehmen und Kommunen – wären damit erheblich. «Viele dringend erforderliche Investitionen würden dann unterbleiben. Das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse wird weiter auseinanderdriften», so der Minister.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums zieht jeder GRW-Euro des Bundes plus einem GRW-Euro eines Landes private Investitionen in Höhe von 8 Euro nach sich. Madsen: «Damit hat die investive GRW-Förderung eine äußerst hohe Hebelwirkung. Dieser Hebel wird auch dringend benötigt, um gemeinsam die aktuellen Transformationsprozesse zu meistern.»

Der Bund habe zuletzt im März 2023 gegenüber dem Bundestag auf den Erfolg und die Bedeutung der GRW hingewiesen. «Und nun soll über Nacht dieses erfolgreiche Instrument einfach gekürzt werden. Das ist am falschen Ende sparen Die Bundesländer erwarten daher vom Bund, dass er von diesen Kürzungsplänen Abstand nimmt – das habe ich dem Kollegen Habeck mit auf den Weg nach Berlin gegeben», so Madsen.

Madsen sucht Verbündete im Kampf gegen Pauschal-Verbot von „Ewigkeits-Chemikalien“

Der Plan der EU, so genannte „Ewigkeits-Chemikalien“ umfassend zu verbieten, schießt nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen klar übers Ziel hinaus und bedroht Arbeitsplätze. Er hofft bei der morgigen Wirtschaftsministerkonferenz in München auf Verbündete aus anderen Bundesländern.

Es geht um die große Gruppe der umstrittenen „Per- und Polyfluorierten Alkylsubstanzen“ (PFAS). Sie enthalten teils giftige Chemikalien, teils aber auch harmlose High-Tech Werkstoffe oder Arzneimittel. Im Alltag werden sie unter anderem für Outdoor-Produkte oder Teflonpfannen verwendet.

«Aber man braucht sie eben auch als Membranen für Beatmungs- und Dialysegeräte, Schläuche für die Produktion hochwertiger Arzneien oder Teile von Windenergie- und Wasserstoffanlagen sowie Wärmepumpen», sagt Madsen.  Und nicht nur da. Vor allem in nahezu allen High-Tech-Anwendungen der Elektronik-, Energie-, Pharma- oder Medizinbranche gebe es zu PFAS oft keine Alternativen. «Das von der EU-Kommission ab 2025 geplante undifferenzierte Verbot von über 10.000 Substanzen wird also ganze Branchen knallhart treffen, in Schleswig-Holstein beispielsweise den größten Industrie-Arbeitgeber, die Lübecker Firma Dräger oder auch den Arzneimittel-Hersteller Pohl-Boskamp in Hohenlockstedt», so Madsen.

Dräger-Konzernchef Stefan Dräger

Dräger-Konzernchef Stefan Dräger sagt: «Wenn das PFAS-Verbot in der vorgeschlagenen Form umgesetzt wird, betrifft das fast alle unsere Produkte, die es dann nicht mehr geben wird – und uns als Unternehmen vermutlich dann auch nicht mehr. Das ist wirklich existentiell.»

Nach den Worten von Madsen werde ein pauschales Verbot auch den grünen Umbau der deutschen Wirtschaft zurückwerfen. Zudem laufe es dem erklärten Ziel der EU zuwider, Europa wieder zum Zentrum der Halbleiterindustrie zu machen und die Pharmabranche zu stärken. «Darum werde ich bei meinen Länderkollegen für eine risikobasierte Regulierung von PFAS werden», so Madsen. Neben Übergangsfristen schweben ihm Ausnahmen für Kunststoffe vor, die in Maschinen und langlebigen Produkten stecken und nicht mit der Umwelt in Berührung kommen. Zudem sei ein wissenschaftlicher Nachweis der Schädlichkeit verschiedener Substanzen sowie eine Abwägung von Risiken nötig. Der CDU-Politiker erinnerte daran, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) viele PFAS als „polymers of low concern“ einstuft, also als ungefährlich für die Umwelt.

Madsen sagte bei der Konferenz der Wirtschaftsminister der Länder in München dazu weiter – Video starten…

Mit Blick auf die Pharma-Industrie weist Madsen noch auf ein weiteres Problem hin: «Allein durch den Einsatz von PFAS-Schläuchen in der Produktion ist es in den letzten Jahren möglich geworden, Verunreinigungen von Arzneien unter die Nachweisgrenze zu drücken. Zwingen wir die Betriebe nun, wieder auf herkömmliche PVC- oder PET-Schläuche zurückzugreifen, werden wir uns von diesen Standards verabschieden müssen», sagt er.

Marianne Boskamp – hier bei einem Besuch von Ministerpräsident Daniel Günther

Ein Problem, das auch den Arzneimittel-Produzenten Pohl-Boskamp bei Itzehoe besorgt. Nach den Worten von Unternehmens-Chefin Marianne Boskamp sind Polymere aufgrund ihrer Beständigkeit aus industriellen Produktionsprozessen nicht mehr wegzudenken: «In der pharmazeutischen Industrie gewährleisten sie das höchste Sicherheitsniveau und Hersteller wie wir entscheiden sich trotz der höheren Preise für diese Werkstoffe, etwa bei Dichtungen und Schläuchen.» Dies auch vor dem Hintergrund ständig steigender Anforderungen an die Reinheit von Arzneimitteln.

Madsen fürchtet, dass die EU-Pläne bei Verwirklichung dazu führen werden, dass viele Unternehmen ihre Produktion dauerhaft in Länder außerhalb der EU verlagern. «Wer seine Medikamente dank des Einsatzes von PFAS-Schläuchen hochwertig in Großbritannien produziert, kann sie anschließend problemlos wieder in die EU importieren – das kann niemand ernsthaft wollen.»

Mit Blick auf die ehrgeizigen Klimaziele in Europa erinnert Madsen daran, dass ein PFAS-Verbot auch die Hersteller von Wärmepumpen treffen wird: So genannte F-Gase in den Kältemitteln der Geräte würden ebenfalls der umstrittenen Stoffgruppe zugerechnet. Immerhin gebe es hier aber schon erste Alternativ-Geräte, die Propangas nutzen.  Madsen: «Man sieht also: Es gibt weitaus zielführendere Wege zur Unterbindung der gesundheitsschädlichen Vertreter der PFAS als das breite Verbot.»