Ernährungsbranche im echten Norden: Vom Schiffsproviant-Hersteller zum Trendsetter

Lübeck kann mehr als Marzipan. Auch Cornflakes, Müsli, Marmelade, Fischkonserven und Fertiggerichte aus der Hansestadt sind nicht nur in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Allein zur Ernährungswirtschaft in Lübeck zählen rund 100 Unternehmen, etwa 4500 Beschäftigte und ein Jahresumsatz von mehr als 550 Millionen Euro. Landesweit ist die Ernährungsbranche nach den Worten von Wirtschaftsminister Bernd Buchholz mit 256 Unternehmen, einem Jahresumsatz von rund sieben Milliarden Euro und knapp 22.000 Beschäftigten eines der stärksten Branchen-Netzwerke innerhalb des verarbeitenden Gewerbes.

„Der Umsatz-Anteil dieser Branche liegt bei knapp 20 Prozent und damit doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt“, sagt der Minister. Am übernächsten Donnerstag (22. Februar) trifft Buchholz mit den Mitgliedern des Branchennetzwerkes FoodRegio zum 12. Trendtag der norddeutschen Ernährungswirtschaft in Lübeck zusammen.

In dem Netzwerk sind derzeit 69 Unternehmen der Lebensmittelbranche und Forschungseinrichtungen aus den fünf norddeutschen Bundesländern zusammengeschlossen. Darunter sind viele Firmen aus Lübeck, wie Brüggen, Hawesta, Niederegger, der heute zu Continental Foods gehörende Fertiggericht-Hersteller Erasco und die Schwartauer Werke.

Vorsitzender des Netzwerkes, das 2005 in Lübeck gegründet wurde, ist Jochen Brüggen, einer von drei Chefs des Familienunternehmens Brüggen KG. «Die Ernährungswirtschaft ist in Schleswig-Holstein neben dem Maschinenbau die stärkste Branche», sagt Brüggen. Ein besonderer Schwerpunkt liege dabei in und um Lübeck.

Die Herstellung, Verarbeitung und Verpackung von Nahrungsmitteln hat in Lübeck eine lange Tradition. «Lübecks Hafen und das agrarisch strukturierte Umland haben die Entwicklung der Branche gefördert», sagt Rüdiger Schacht, Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Lübeck. «Die Herstellung von Gemüse-, Fleisch- und Fischkonserven als haltbarer Schiffsproviant bildete den Grundstein für die lebensmittelverarbeitende Industrie in Lübeck.» 1877 hatte sich der Lübecker Kaufmann Friedrich Ewers (1828-1913) eine Dosen-Verschließmaschine patentieren lassen, die das bis dahin übliche Verlöten der Dosen durch eine Falztechnik ersetzte.

Zusammen mit Marzipan und Rotspon – dem in den Kellern der Stadt gereiften französischen Rotwein – seien Konserven bis 1914 die Aushängeschilder der Lübecker Ernährungsindustrie gewesen, heißt es in der 1993 erschienenen Dokumentation «Zeitenwende – Fabriken in Lübeck» zur Industriegeschichte. Darin listet Autor Rüdiger Sengebusch für das Jahr 1907 unter anderem 18 Brauereien, 28 Getreidemühlen und eine Ölmühle, elf Konservenfabriken und 28 fischverarbeitende Betriebe auf. 

Zentrum der Fischverarbeitung war das ehemalige Fischerdorf Schlutup. Dort entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Fischkonserven-Fabriken. «Bis zum Aufkommen des Tiefkühlfisches in den 1960er Jahren war Schlutup Deutschlands drittgrößter Fischkonservenproduzent nach Bremerhaven und Cuxhaven», sagt Schacht. 

Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte eine Erfindung des Ingenieurs Rudolph Baader (1885-1953). Er war mit der Tochter eines Lübecker Industriellen verheiratet und stellte 1922 die weltweit erste Maschine zum Köpfen und Entgräten von Fischen vor. Sie konnte in einer Stunde 2400 Heringe verarbeiten und ersetzte damit die Stundenleistung von acht Arbeiterinnen. Die von ihm 1919 gegründete Firma Nordischer Maschinenbau Rudolph Baader ist nach eigenen Angaben heute Weltmarktführer für Maschinen zur Fischverarbeitung. Bislang gehört das Unternehmen allerdings nicht dem Netzwerk FoodRegio an.

Die Zukunftsaussichten der Ernährungswirtschaft im Norden hält Brüggen für gut. «Die Weltbevölkerung wächst und damit auch der Bedarf an hochwertigen und auch alternativ produzierten Nahrungsmitteln», sagt Brüggen. 

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