Investor zieht den Stecker: Werft Nobiskrug nach 116 Jahren vor dem Aus? Insolvenzantrag gestellt

Aus nach 121 Jahren wechselvoller Werftgeschichte: Nobiskrug in Rendsburg

Im 116. Jahr ihres Bestehens und 35 Jahre nach ihrem ersten Konkurs hat die Rendsburger Traditionswerft Nobiskrug heute die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Als Grund für den Antrag beim Amtsgericht Neumünster nannte das Unternehmen «kritische Entwicklungen» im Jachtbau sowie damit verbundene negative Auswirkungen auf das Investitionspotenzial und die Rentabilität. «Die anhaltende Pandemie hat die Situation weiter verschärft, da Nobiskrug Aufträge verliert und bereits seit längerem mit den Konsequenzen früherer Managemententscheidungen leben muss», hieß es in der Mitteilung.

«Jüngste Auftragsstornierungen und eine ungewisse Zukunft haben nun die Notwendigkeit eines Insolvenzantrags unvermeidlich gemacht.» Nobiskrug gehört zur internationalen Schiffbaugruppe Privinvest. Deren Vorstandsvorsitzender ist Iskandar Safa, ein französischer Geschäftsmann libanesischer Herkunft.

Das Unternehmen verwies darauf, die Muttergesellschaft habe in den vergangenen Jahren rund 178 Millionen Euro in Nobiskrug investiert, um das laufende Geschäft zu sichern, ohne dafür eine Rendite zu erhalten. Privinvest werde seine anderen Schiffbaueinheiten in Deutschland unterstützen und verfolge das Ziel, durch einen konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Weitere Angaben machte Nobiskrug nicht.

Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Amtsgericht den Sanierungsexperten Hendrik Gittermann, wie dessen Hamburger Kanzlei Reimer am Abend mitteilte. Gittermann sei Experte für solche Verfahren in der maritimen Wirtschaft. Sein Ziel sei es, in den nächsten Wochen Sanierungsoptionen für die Werft zu erarbeiten. «Der Betrieb wird uneingeschränkt weitergeführt – einschließlich aktueller Yacht-Neubauten und der Abarbeitung von Reparaturaufträgen.» Die Löhne und Gehälter der Beschäftigten seien über das Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit für drei Monate abgesichert. Eine Insolvenz bedeute häufig gerade nicht das Ende eines Unternehmens, sondern die Chance auf einen schuldenfreien Neubeginn, erklärte Gittermann.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) betonte, die Lage sei in der Werftenlandschaft insgesamt sehr schwierig. Bereits vor zwei Jahren sei die Einschätzung gewesen, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten stecke. «Insoweit hatten wir auch als Land keine Möglichkeiten, da noch verstärkt einzugreifen», sagte Buchholz. Er hoffe auf Chancen im Zuge des Insolvenzverfahrens. «Dabei gibt es immer noch diverse Möglichkeiten, die für die Belegschaft und auch für das Unternehmen selbst Perspektiven schaffen können.»

Weiter sagte Buchholz im Gespräch mit Journalisten – Audio starten, Pfeil klicken…

Bereits 2020 hatte das Unternehmen 120 Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt. Zuletzt gab das Unternehmen die Zahl der Jobs mit 330 an. Die Werft sehe sich «solide aufgestellt», hieß es noch vor wenigen Wochen.

Die Gewerkschaft kritisierte die Kurzfristigkeit der Unternehmensentscheidung. «Weder die IG Metall noch die Betriebsräte sind im Vorfeld einbezogen worden», sagte der Rendsburger IG-Metall-Geschäftsführer Martin Bitter. «Das ist ein Ärgernis und nicht akzeptabel.» Bitter sprach von einem Liquiditätsproblem, Aufträge seien vorhanden. Er setze darauf, dass der Gesellschafter «zumindest den Neustart finanziert.» Aber auch das Land Schleswig-Holstein müsse beispielsweise mit Bürgschaften eine Rolle spielen.

Seit den 2000er Jahren Kerngeschäft: Megayachten von Nobis sind weltweit gefragt

Die auf den Bau von Luxusjachten ab 60 Metern Länge spezialisierte Werft am Nord-Ostsee-Kanal hat seit ihrer Gründung 1905 weit über 750 Schiffe gebaut. Zu den bekanntesten Neubauten vergangener Jahre gehörte die knapp 143 Meter lange Mega-Segeljacht «A». Sie wurde von Nobiskrug aber in Kiel gebaut.

Seine Glanzzeit erlebte das Unternehmen in den 60er und 70er Jahren unter anderem mit dem Bau der Oslo-Fähren und anderer Passagierschiffe. In den 1980er Jahren wurden Spezialschiffe wie die „Polarstern“ oder die Taucherbasisschiffe „Seabex One“ und „Seaway Condor“ für den industriellen Einsatz aufgelegt. In dieser Zeit wurde auch das Kreuzfahrtschiff „Berlin“ auf der Werft umgebaut und verlängert. Ebenfalls Stammkunde der Rendsburger Werft war die Kreuzfahrt-Reederei Deilmann.

Bis 1986 war die Werft unabhängig, dann ging sie in Konkurs. 1987 wurde sie von HDW gekauft, mit der sie 2005 zur ThyssenKrupp Marine Systems AG fusionierte. Nach dem Verkauf am 1. Oktober 2007 gehörte die Werft der eigens gegründeten Eagle River Capital Ltd. auf Guernsey. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei Abu Dhabi Mar gehört Nobis seit 2010 zu Safas Holding Privinvest, die sie mit zwei Kieler Werften 2014 in der German Naval Yards Holdings zusammenführte.

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