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Riesen-Interesse der regionalen Wirtschaft an „Speed-Date“ mit Northvolt

Nach der endgültigen Ansiedlungs-Entscheidung des schwedischen Batterieherstellers Northvolt für die Region Heide ist das Interesse der Wirtschaft an der geplanten Gigafabrik gewaltig. Fast 500 Vertreterinnen und Vertreter von regionalen wie überregionalen Betrieben waren am Abend der Einladung der Schweden, der IHK Flensburg, der Entwicklungsagentur Heide, des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste und der Kreishandwerkerschaft ins Dithmarscher Berufsbildungszentrum (BBZ) gefolgt.

Northvolt-Chef Haux mit Madsen und Thomas Bultjer von der IHK Dithmarschen

Während im nicht einmal vier Kilometer entfernten Lohe Rickelshof bereits seit Wochen die Bagger auf der Northvolt-Baustelle zwischen Bundesstraße B 5 und A 23 rotieren, verbreiteten Northvolts Deutschland-Chef Christofer Haux und Dithmarschens IHK-Chef Thomas Bultjer im BBZ einen Hauch von Goldgräberstimmung. «Die Chancen für Sie sind da und sie sind einfach riesig», sagte Haux und warb für eine frühzeitige Bewerbung um Aufträge. Seit heute können sich Betriebe auf einer Online-Plattform registrieren und für Dutzende von Gewerken Interessensbekundungen abgeben. Northvolt werde dies sichten, sortieren und dann den Kontakt suchen, hieß es.

Auch Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen zeigte sich von der hohen Präsenz der Wirtschaft und dem Interesse begeistert. Er betonte das riesige wirtschaftliche Potenzial für die Region Heide, aber auch für die gesamte Westküste und das Land. Northvolt möchte in der Fabrik ab 2026 Batteriezellen für E-Autos herstellen. Durch die 4,5 Milliarden Euro teure Investition sollen 3.000 Arbeitsplätze entstehen. «Und zwar 3.000 direkte Arbeitsplätze mit der Option auf langfristig 12.000 Arbeitsplätze durch weitere Ansiedlungen entlang der Wertschöpfungskette», so Madsen.

Weiter sagte Madsen am Rande der Veranstaltung – Video starten

Das gesamte Wertschöpfungspotenzial bei voll laufender Produktion bezifferte der Lübecker Gutachter und Unternehmensberater Uwe Mantik ab 2029 auf knapp eine Milliarde Euro pro Jahr. «Hinzu kommt ein jährliches Potenzial von 20 Millionen Euro an Gewerbesteuern, sechs Millionen Euro an Lohnsteuern und zwei Millionen Euro an Grundsteuern für die Region Heide», so Mantik. Das Unternehmen hat laut Haux in das Bauvorhaben bereits rund 100 Millionen Euro an eigenen Mitteln investiert. Parallel zur eigentlichen Fabrik soll eine Anlage zum Recycling von Altbatterien ausrangierter E-Autos entstehen.

Beide Füße auf dem Gaspedal: Land und Bund stecken 2024 über 400 Millionen ins Straßennetz

Trotz massiver Sparzwänge sowie dem anhaltenden Druck auf die Bauwirtschaft durch den Mangel an Fachkräften setzen Land und Bund ihre Investitionsoffensive in das norddeutsche Verkehrsnetz ungebremst fort: „Unser Landesbetrieb hat letztes Jahr in Bundes-, Landes- und Kreisstraßen rund 255 Millionen Euro gesteckt, rund ein Viertel mehr als im Vorjahr“, sagte Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen heute in Kiel.

Präsentierten heute das Bauprogramm 2024 (v.l.): Benedikt Zierke (DEGES), Minister Madsen, LBV.SH-Direktor Frank Quirmbach und Carsten Butenschön, Leiter der Niederlassung Nord der Autobahn GmbH des Bundes

In die Autobahnen im norddeutschen Raum seien 2023 rund 215 Millionen Euro und damit ein Drittel mehr als noch 2022 investiert worden. „Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir dieses Jahr einen Rekord-Betrag von über 400 Millionen Euro in Modernisierung und Erhalt unseres Verkehrsnetzes stecken werden – den Ersatzbau der Rader Hochbrücke nicht einmal mitgerechnet“, so Madsen. Im Gespräch mit Andreas Otto von RSH sagte Madsen am Rande der Pressekonferenz weiter – Audio starten, Pfeil klicken…

Allein in die Landesstraßen und das schleswig-holsteinische Radwegenetz sollen dieses Jahr 98 Millionen Euro und in Bundesstraßen rund 96 Millionen Euro investiert werden. Für Erhalt und Ausbau des norddeutschen Autobahnnetzes in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen hat die Autobahngesellschaft des Bundes für 2024 gut 220 Millionen Euro veranschlagt. Die Eckpunkte des 2024er Bauprogramms (siehe Anlage) stellte Madsen zusammen Frank Quirmbach (Direktor Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein, LBV.SH), Dr. Benedikt Zierke (DEGES-Projektleiter) und Carsten Butenschön (Niederlassungsdirektor Nord der Autobahn GmbH des Bundes) vor.

Hier eine Listen-Übersicht der Bauprojekte

Als erfreulich bezeichnete es Madsen, dass es trotz der Kürzungen im Landeshaushalt und beim LBV.SH geglückt sei, das Investitionsvolumen weitgehend auf dem hohen Niveau der Vorjahre zu halten: „Allein mit den 80 Millionen Euro für die Reparatur von Landesstraßen und 18 Millionen Euro für den Radwegebau investieren wir teils viermal so viel wie noch Anfang der 2000er Jahre.“ Hinzu kämen 20 Millionen Euro für die Sanierung von Kreisstraßen sowie 96 Millionen Euro Bundesmittel für den Neubau und die Erhaltung von Bundesstraßen. Madsen: „Damit liegt allein die Investitionssumme unseres Landesbetriebs bei rund 214 Millionen Euro.“

Hier ein Livestream-Mitschnitt der Pressekonferenz:

Für Carsten Butenschön von der Autobahn GmbH des Bundes liegt der Fokus in diesem Jahr auf dem weiteren Ausbau der Bundesstraße B 404 zur Autobahn A 21, der mit großen Schritten vorangehe. So wurden die für die langsamen Verkehre notwendigen Straßen im nachgeordneten Netz bereits in Betrieb genommen. An der Fertigstellung der A 21 zwischen Klein Barkau und Stolpe in 2026 halte er fest. Zudem erwarte die Niederlassung Nord zwei Planfeststellungsbeschlüsse für die A 20 in Niedersachsen.

Butenschön: „Wir erhoffen uns Ende 2024, Anfang 2025 Baurecht, insbesondere für das Kreuz Kehdingen, das wie der Abschnitt 7 in Schleswig-Holstein Voraussetzung für den Bau des Tunnels bei Glückstadt ist. Daneben investieren wir nach einem Winter, der uns massive Fahrbahnschäden beschert hat, prioritär in die Erhaltung.“ Dazu zählen neben den Investitionen in Fahrbahnen auch die eng getakteten Prüfungen des bestehenden Brückenbauwerks Rader Hochbrücke, wie notwendigen Sanierungen und Ersatzneubauvorhaben bei den Bestandsbrücken, wie beispielsweise in Reinfeld, Owschlag, Bordesholm, Seeretz oder dem Autobahnkreuz Bargteheide. Butenschön: „Neben Sanierung und Neubau investieren wir in die Zukunft der Mobilität und treiben die Planungen für die flächendeckende Ladeinfrastruktur entlang der Autobahnen in diesem Jahr bis zur Umsetzung in 2025 voran.“

Hier die Präsentation der Autobahn GmbH:

Herausragende Vorhaben der von Autobahn GmbH und Land beauftragten Projektmanagementgesellschaft DEGES sind nach den Worten von Projektleiter Dr. Benedikt Zierke auch 2024 vor allem der Neubau der Rader Hochbrücke, der Ausbau der Bundesstraße B 207 auf Fehmarn sowie die weitere Planung der Autobahn A 20. Zierke erinnerte daran, dass vor gut einem Jahr der Planfeststellungsbeschluss für den Elb-Abschnitt der Autobahn erlassen wurde. Im April werde das Bundesverwaltungsgericht über zwei Klagen gegen den Abschnitt verhandeln. Für die Abschnitte 3 (Bad Segeberg) und 7 (Kreis Steinburg) werden laut Zierke in diesem Jahr ebenfalls die Planfeststellungsbeschlüsse erwartet. „Ich bin deshalb zuversichtlich, dass wir Anfang 2025 an der A 20 loslegen können, so die betreffenden Beschlüsse nicht erneut beklagt werden“, sagte Zierke.

Auch von der Rader Hochbrücke gibt es gute Nachrichten. Laut Zierke sollen nach Ostern von der Nordseite die ersten Stahlteile in Richtung Borgstedter Enge geschoben werden. Auf der Baustelle habe sich in den vergangenen Monaten viel getan – trotz teilweise äußerst widriger Wetterbedingungen seien im gesamten zukünftigen Brückenverlauf die Pfeilergrundierungen fast komplett abgeschlossen worden.  Zierke: „Auf dem Südufer des Kanals sind Widerlager und Taktschiebekeller im Werden und aus der Luft bereits deutlich zu erkennen, auf der Rader Insel gehen die Arbeiten ebenfalls gut voran.“

Hier die Präsentation der DEGES

Entlang der B 207 auf Fehmarn hat die DEGES inselseitig die Böschung links und rechts der Strecke freigemacht. Bereits abgeschlossen wurden die archäologischen Arbeiten in Avendorf, die Baufeldfreimachung im Bereich Puttgarden, das Anlegen von Drainagen sowie die Vorbereitungen für die Errichtung der Brücke, die die Kreisstraße K 49 über die zukünftige B 207 führen soll. „In diesem Jahr folgen die sichtbaren Arbeiten von Avendorf bis Puttgarden inklusive der ersten Bauwerke“, sagte Zierke.

Die Kernpunkte des Arbeitsprogramms des LBV.SH liegen nach den Worten von Direktor Frank Quirmbach auf der Erhaltung des knapp 3.700 Kilometer langen Landesstraßennetzes sowie beim weiteren Ausbau der Bundesstraßen B 5, B 404 und Ortsumgehung B 209. „Doch bei allen Sparzwängen: Die umfängliche Aufarbeitung des jahrzehntelangen Sanierungsstaus an unseren Landesstraßen ist ja noch nicht abgeschlossen. Und gerade ein solcher Winter wie der derzeitige setzt allen Straßen massiv zu. Die zahlreichen Schlaglochpisten zeigen uns, dass das Engagement hier keinesfalls nachlassen darf“, so Quirmbach.

Hier die Präsentation des LBV.SH

Mit Blick auf die überbordende Bürokratie und das schwerfällige deutsche Planungsrecht, das den Start von Neubauvorhaben oft über Jahre verzögere, erinnerte Madsen an eine von ihm angestoßene Bundesratsinitiative. „Durch Änderung und Ergänzung von 18 Bundes- und Landesgesetzen könnten Ausbauprojekte im Bereich der Energieversorgung und des Küstenschutzes sowie der Straßen-, Hafen und Schieneninfrastruktur künftig deutlich schneller geplant und umgesetzt werden“, sagte er. Nun sollen die von seinem Haus erarbeiteten Vorschläge konkretisiert, mit dem Bund abgestimmt und rasch umgesetzt werden. Bund und Länder hätten zudem im November einen „Pakt für Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungsbeschleunigung“ angeschoben. „Er soll dazu beitragen, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland wettbewerbsfähig bleibt“, so Madsen. Erste Ergebnisse dazu sollen im Laufe des Frühjahrs vorliegen.

Carstens bei StartUp-Challenge: „Alle profitieren von dieser verborgenen Kreativität“

Früh übt sich – das gilt auch und insbesondere für die Startup-Szene im echten Norden: Unter der Regie der Fachhochschule Kiel trafen am Freitag die Sieger-Teams von 14 Regionalen Bildungs- und Berufsbildungszentren bei der „StartUp Challenge SH“ aufeinander. Ein Gründungswettbewerb, der sich an Schülerinnen und Schüler der 11. Klassen richtet. In Teams entwickelten die jungen Leute seit April letzten Jahres Geschäftsideen und werden dabei auch von Partnern aus der lokalen Wirtschaft unterstützt. Mitglied der Jury: Wirtschafts-Staatssekretärin Julia Carstens (im Bild oben mit dem Team „Sensor Hero“ des RBZ Kiel).

Das Sieger-Team von „Swipe Eat“

Den mit 3.000 Euro dotierten ersten Rang belegte das Team „Swipe ´n Eat“. Als „Tinder für die Speisekarte“ beschreibt Marvin Schlott das Prinzip der App: Die Nutzer öffnen beim Restaurantbesuch über einen QR-Code eine personalisierte Speisekarte. Die berücksichtigt alle im Profil gespeicherten Vorlieben, Allergien oder Unverträglichkeiten, zeigt ein Foto des Gerichts sowie Informationen über dessen Zutaten und Inhaltsstoffe.

Ein weiteres Beispiel: Wie lässt sich aus Wasserwellen über spezielle Sensoren Strom erzeugen – ein Projekt unter dem Namen „Piezo Revolution“ der Neumünsteraner Walther-Lehmkuhl-Schule, das am Ende den zweiten Platz und damit 2.000 Euro Preisgeld ergatterte.

Nicht nur Carstens zeigte sich von der Bandbreite der Ideen der 60 Schülerinnen und Schüler beeindruckt. Das Spektrum reiche von Wärmegewinnung aus Misthaufen über ein UV-Strahlung messendes Armband bis zur Kinderwagenmatratze mit Kühl- und Wärmfunktion. Gastgeber Prof. Björn Christensen, Präsident der FH, sagte: „Wir haben das Finale der StartUp Challenge SH bereits zum dritten Mal bei uns ausgerichtet, und ich bin immer wieder fasziniert von dem Einfallsreichtum und der Ernsthaftigkeit der Teams.“

Carstens mit FH-Präsident Christensen (2.v.r) bei der Präsentation der Geschäftsideen.

Und Carstens ist sich sicher: „Der Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein kann von der verborgenen Kreativität und Innovationskraft der Schülerinnen und Schüler profitieren. Es liegt mir am Herzen, junge Menschen frühzeitig dazu zu ermutigen, kreativ und unternehmerisch zu denken. Die StartUp Challenge SH bietet dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit.“ Der Wettbewerb schlage zudem eine Brücke zwischen beruflichen Schulen und regionalen Gründungszentren. Seit 2021 wird der Wettbewerb von der Fachhochschule Kiel und dem Schleswig-Holsteinischen Institut für Berufliche Bildung (SHIBB) landesweit für alle berufsbildenden Schulen angeboten.

Seitdem ist die Zahl der teilnehmenden Schulen deutlich gestiegen: „Wir fördern unternehmerisches Denken und Handeln und somit Kompetenzen, die gerade für die Herausforderungen der Zukunft wie Klimawandel, Fachkräftemangel und Unternehmensnachfolge in unserer regional geprägten Wirtschaft immer notwendiger werden,“ sagt Jörn Krüger, Direktor des SHIBB, das seit seiner Gründung 2021 für die gesamte Berufliche Bildung in Schleswig-Holstein zuständig ist und den Wettbewerb finanziell und personell gemeinsam mit der FH Kiel trägt. „Vor 16 Jahren ist die StartUp Challenge SH als Schulprojekt in Steinburg gestartet. Heute ist sie ein landesweiter Wettbewerb mit mittlerweile 14 teilnehmenden Schulen. Ich finde das großartig“, so Krüger.

Land setzt Radwegs-Strategie um – und investiert 2024 fast 40 Millionen Euro

Vom Zufalls-Prinzip zum Masterplan: Erhalt und Ausbau des rund 4.300 Kilometer langen Radverkehrsnetzes in Schleswig-Holstein folgen künftig nicht mehr der Regel „wer zuerst kommt, der mahlt zuerst“, sondern einem strategisch angelegten Bauprogramm. Basis dafür ist die jetzt von der Landesregierung vorgelegte Konzeption eines „Landesweiten Radverkehrsnetzes“ (LRVN).

Minister Madsen (2.v.r.) mit Ministeriums-Kollegen bei seiner Radwegs-Erkundung im letzten Sommer

Über 40 Projekte aus dem Masterplan werden laut Madsen bereits in diesem Jahr angepackt: „Und wir planen, in den kommenden zehn Monaten die bisher einmalige Rekordsumme von über 38 Millionen Euro in den Radwegebau zu stecken – darunter in diesem Jahr ein einmaliger Zuschuss an die Kreise und Gemeinden in Höhe von 20 Millionen Euro“, sagte er. [Großes Bild oben: Die LRNV-Projekte für 2024 im südlichen Landesteil. Bild hier: Die 2024er LRVN-Projekte aus dem Norden:]

Die diesjährigen LRVN-Projekte aus dem nördlichen Landesteil

Zum Vergleich: in den vier Jahren zwischen 2020 und 2023, waren rund 25 Millionen Euro in den Radverkehr geflossen. Die größten Vorhaben in diesem Jahr werden unter anderem auf Föhr (Radweg Nieblum-Wyk), in Flensburg (Marienallee und Schützenkuhle) sowie in Dagebüll, Niebüll und Husum und in den Kreisen Pinneberg, Ostholstein und Stormarn in Angriff genommen.

Hier ein Überblick über die größten Radverkehrsprojekte dieses Jahres:

Das Kabinett hatte Madsen bei seiner jüngsten Sitzung den Auftrag erteilt, das LRVN als Schlüsselprojekt der Radstrategie umzusetzen und ein Bauprogramm für Radwege aufzustellen. „Parallel zu den jetzt startenden ersten Bauarbeiten werden wir bis Ende des Jahres einen Priorisierungs-Katalog vorlegen, der zugleich die Leitplanken für künftige Bauprogramme festlegt“, so der Minister. Der LRVN-Masterplan sei zudem ab sofort auch das maßgebliche Kriterium bei der der Förderung von kommunalen Straßenbauvorhaben sowie bei Projekten aus dem Landes-Förderprogramm „Ab-aufs-Rad“.

Der Gesamtüberblick über die LRVN-Baustellen in 2024:



Wie Madsen weiter sagte, sei die Hälfte der in Deutschland zurückgelegten Fahrstrecken kürzer als fünf Kilometer und zu knapp 70 Prozent kürzer als zehn Kilometer. „Auch, wenn Radfahrerinnen und Radfahrer in einem rauen Küstenland wie Schleswig-Holstein vor besonderen Herausforderungen stehen, so belegen diese Zahlen aus dem Verkehrsbericht des Bundes doch eindrucksvoll, dass das Fahrrad unser tägliches Mobilitätsbedürfnis zu einem Großteil erfüllen und obendrein dem Klima dienlich sein könnte“, so der Minister. Er sei deshalb zuversichtlich, mit der Radstrategie und dem LRVN die Ursachen dafür zu beseitigen, dass immer noch zu viele Menschen lieber ins Auto statt auf’s Rad steigen. Madsen: „Hauptgründe sind eine fehlende oder mangelhafte Infrastruktur sowie das individuelle Gefühl einer unzureichenden Verkehrssicherheit.“

Hier die Landtagsrede des Ministers zu dem Radverkehrs-Thema:

Die auf ein Gutachten der „team red Deutschland GmbH“ gestützte Strategie des Landes beinhaltet zwei Ebenen innerhalb des Radverkehrsnetzes. In die erste Ebene werden alle Städte und größeren Gemeinden einbezogen. In Netzebene 2 werden um diese Orte sowie um Schulen, Bahnhöfe oder ZOBs gedanklich Kreise von rund fünf Kilometern gezogen und auf diese Weise in die Netzplanung integriert. „Wir sehen also auf einen Blick, welche Radwege wir wo haben, wo Lücken an Landesstraßen sind und welche wir schließen wollen. Aber auch, wo wir in Zukunft Schwerpunkte für Sanierung und Ausbau legen wollen“, sagte Madsen. Zugleich hätten damit auch Kommunen einen Plan, wo übergeordnete Radwegenetze verlaufen und wie sie mit lokalen Radwegen ergänzt werden können.

Nach Finanz-Zusage der Kreise: Land steigt nun doch in Metropolregion-Agentur ein

Trotz massiver Sparzwänge von Land, Kreisen und Kommunen ist es geglückt, die Hamburger Randkreise für die Mitfinanzierung der geplanten länderübergreifenden Innovationsagentur zu gewinnen. Damit wird Schleswig-Holstein sich – entgegen eines ursprünglichen Sparbeschlusses – nun doch an der Startphase des Projekts beteiligen, wie Wirtschafts-Staatssekretärin Julia Carstens am Abend in Kiel sagte. Sie sei sehr dankbar über das frühzeitige Entgegenkommen der Kreise.

Hintergrund der geplanten Agentur ist eine Studie der OECD, die eine entsprechende Einrichtung für die Metropolregion um Hamburg mit ihren fast 5,5 Millionen Menschen empfohlen hatte. Wie nach der zweijährigen Pilotphase die weitere Finanzierung gestaltet werden könne, müsse auch mit möglichen weiteren Partnern – etwa aus der Wirtschaft – besprochen werden, sagte Carstens. Unter anderem der Unternehmensverband UV Nord hatte massiv für den Aufbau einer Innovationsagentur plädiert. Die jährlichen Anlauf-Kosten von 250.000 Euro während der zweijährigen Startphase tragen nun zu einem Fünftel Hamburgs Randkreise.

Carstens machte am Abend in einer Sitzung des gemeinsamen Länderausschusses mit Abgeordneten aus Schleswig-Holstein und des Hamburger Senats noch einmal deutlich, dass die Landesregierung zu keiner Zeit an der Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes gezweifelt habe.

Sie sagte weiter – Audio starten…

Die Metropolregion umfasst neben Hamburg 20 Kreise und kreisfreie Städte in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Vor vier Jahren hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den norddeutschen Ländern bescheinigt, dem internationalen Wettbewerb zu wenig gewachsen zu sein. In einem umfangreichen Gutachten wurden die Stärken und Schwächen der Metropolregion Hamburg benannt und Empfehlungen gegeben, die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Region zu stärken.

UV Nord-Präsident Philipp Murmann begrüßte die Beteiligung Schleswig-Holsteins an der Innovationsagentur als ein sehr positives Zeichen für die Metropolregion Hamburg. «Unabhängig davon, dass die Landesregierung, insbesondere das Wirtschaftsministerium sich unseren Argumenten pro Innovationsagentur aufgeschlossen zeigte, ist dies ein positives Signal nicht nur für die norddeutsche Zusammenarbeit, sondern vor allem für die Bündelung der Innovationskraft der starken norddeutschen Länder», sagte Murmann.

Für die Startphase der Agentur plant die Landesregierung unter anderem die Einrichtung von zunächst einer zusätzlichen Stelle bei der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer GmbH Schleswig-Holstein (WT.SH).

Land fördert Fachkräfte-Projekt der Kiel-Region mit 450.000 Euro

Staatssekretär von der Heide mit Ulrika Schrabback

Auch in der Region rund um die Landeshauptstadt werden Fachkräfte händeringend gesucht. Dafür braucht es kreative und mutige Lösungen. Deshalb macht sich die KielRegion auf, Unternehmen und Fachkräfte in Branchennetzwerken zu versammeln und damit zur Fachkräftesicherung beizutragen. Das Land fördert das Projekt „Moin Fachkräfte: Branchennetzwerke KielRegion“ mit insgesamt 453.000 Euro. Den Förderbescheid übergab Arbeits-Staatssekretär Tobias von der Heide heute an KielRegion-Geschäftsführerin Ulrike Schrabback. „Fachkräftesicherung ist das Thema der Stunde. Es wird immer schwieriger für Unternehmen, geeignetes Personal zu finden. Das Problem haben fast alle und deswegen ist es absolut sinnvoll, die Kräfte zu bündeln und sich gemeinsam Lösungen zu überlegen“, sagte der Staatssekretär.

Im Fokus des Projekts stehen die Branchen Erneuerbare Energien und die Gesundheitswirtschaft. Ziel ist, dass sich Unternehmen dieser Bereiche zu Branchennetzwerken zusammenschließen und gemeinsam mit den regionalen Fachexpertinnen und -experten neue, innovative Ideen zur Fachkräftesicherung entwickeln. „Es gibt nicht die eine Lösung, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Wir brauchen viele verschiedene Ansätze“, betonte von der Heide. „Gleichzeitig müssen die Unternehmen flexibel sein und bei der Suche nach Mitarbeitenden auch mal neue Wege einschlagen.“ Fachkräftesicherung sei ein Gemeinschaftsprojekt. Deswegen habe das Land unter anderem eine Förderrichtlinie entwickelt, um genau solche Projekte möglich zu machen.

Innerhalb der Branchennetzwerke wird die KielRegion Unternehmen und Fachkräfte zusammenführen. Dabei zahlen innovative Gamification-Ansätze wie eine KielRegion-weite E-Sports-Plattform auf die Gewinnung und Bindung von Fachkräften ein. Außerdem stellen sogenannte „Ambassadore“ (Botschafter) mit geeigneten Beispielen die Vorzüge der Region vor und erleichtern besonders die soziale Integration der Zugezogenen in die Gesellschaft. „Wir begegnen dem Fachkräftemangel aktiv mit innovativen und mutigen Wegen und denken Recruiting anders“, erläuterte die KielRegion-Geschäftsführerin Ulrike Schrabback. „Das schaffen wir besonders gut mit vereinten Kräften und genau hier setzt das Projekt an.“ Positiv sei auch, dass sich die Fachkräfte in den Branchennetzwerken zentral über die verschiedenen beruflichen Möglichkeiten informieren können, so Schrabback.

FSG und Nobis weiter unter Druck: „Alles liegt nun in der Hand von Windhorst“

Ernste Gesichter: Julia Carstens und die IG-Metall-Bevollmächtigten Michael Schmidt (links) und Martin Bitter (2.v.l.) im Gespräch mit der Presse

Angesichts der weiterhin angespannten finanziellen Lage der Werften Nobiskrug (Rendsburg) und FSG (Flensburg) hoffen Land, Belegschaft und IG Metall weiter auf eine rasche Umsetzung der von Eigentümer Lars Windhorst zugesagten Investitionen. «Herr Windhorst hat die Werften vor drei Jahren vor dem Aus bewahrt, einen dreistelligen Millionenbetrag investiert  – und momentan kann auch nur er allein seinen Firmen durch entschlossenes Handeln eine Zukunftsperspektive geben», sagte Wirtschafts-Staatssekretärin Julia Carstens heute in Rendsburg nach einem Treffen mit Betriebsräten und Vertretern der IG Metall.

Laut Carstens seien die Landesregierung und auch der Bund nach wie vor bereit, den Erhalt der Werften zu unterstützen. «Dazu sind wir in Gesprächen – aber momentan liegt alles in der Hand von Lars Windhorst», sagte sie. «Landesbürgschaften sind an rechtliche Bedingungen geknüpft – und die sind momentan nicht vollständig erfüllt.» Lars Windhorst selbst und sein Finanzchef waren der Einladung zu dem Runden Tisch nach Rendsburg nicht gefolgt.       

Noch im November hatte Windhorst nach mehreren unterschiedlichen Treffen mit Wirtschaftsminister Madsen, Bundeswirtschaftsminister Habeck und dessen Maritimem Koordinator Dieter Janecek erklärt, dass er in den Gesprächen die notwendigen Perspektiven erhalten habe, um weiter in das Unternehmen zu investieren. «Ich gehe davon aus, dass wir bezüglich neuer Aufträge und Arbeit für die Werft sehr bald positive Neuigkeiten zu vermelden haben», hieß es von Windhorst. Und tatsächlich war erst im November für die Flensburger Werft der Neubauauftrag für zwei LNG-Bunkerschiffe unterzeichnet worden.

«Wir werden angesichts der kritischen Situation weiterhin versuchen, mit Herrn Windhorst im Gespräch zu bleiben und Brücken zu bauen», sagte Staatssekretärin Carstens. Dabei sehe sie gute Perspektiven für die Unternehmen: «Neben dem vertraglich schon vereinbartem Bau der LNG-Tanker bietet vor allem der Bau von Komponenten für Offshore-Konverterplattformen erhebliche Wertschöpfungspotentiale.»

Eine Einschätzung, die von den IG-Metall-Bevollmächtigten Martin Bitter (Rendsburg) und Michael Schmidt (Flensburg) geteilt wird. Angesichts der aktuellen Lage machte Bitter aber auch klar: «Wir brauchen einen Rettungsplan, wir brauchen Windhorst.»

Oben im Bild: Ein Großauftrag des Bundes – ein Schwimmbagger für die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung – im Dock der Werft Nobiskrug

Madsen dankt: Wirtschaftsförderer holten 112 Firmen mit 1.500 neuen Jobs ins Land

112 Unternehmen siedelten sich 2023 in Schleswig-Holstein an und wollen 1.456 Arbeitsplätze schaffen. Noch erfreulicher fallen die Prognosen der Wirtschaftsförderer für die kommenden Jahre aus.

Madsen mit WT.SH-Chef Hinrich Habeck bei der heutigen Pressekonferenz

Die Wirtschaftsförderer des Landes haben im vergangenen Jahr 112 Firmen mit geplanten 1.456 Arbeitsplätzen in Schleswig-Holstein angesiedelt. «Das ist ein solides Ergebnis in wirtschaftlich schwierigen Zeiten», sagte der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH), Hinrich Habeck. Im Vorjahr hatten die Förderer 105 Firmen bei der Ansiedlung unterstützt mit 1.686 neuen Arbeitsplätzen. Habeck präsentierte die Ergebnisse heute in Kiel mit Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und dem Chef der Kieler Wirtschaftsförderungsgesellschaft, Werner Kässens. Nach den Worten von Madsen sprechen die Zahlen deutlich dafür, «dass Schleswig-Holstein auch in einer angespannten Gesamtlage in Deutschland ein durchaus attraktiver Standort für Unternehmen und deren Investitionen bleibt».

Hier ein Mitschnitt des gesamten Pressegesprächs:

Unter den 112 Betrieben entschieden sich neun ausländische Unternehmen mit 184 Arbeitsplätzen für Schleswig-Holstein (2022: 11, 559 Jobs). Aus dem übrigen Bundesgebiet wechselten letztes Jahr zehn (2022: 19) in den Norden. Sie kamen mit 613 Arbeitsplätzen (286). Mit Blick auf die Batteriefabrik des schwedischen Unternehmens Northvolt und laufende Gespräche über weitere Ansiedlungen werde die Bilanz für 2024 besser ausfallen, sagte Habeck. Northvolt plant mit 3.000 Arbeitsplätzen in der Batteriefabrik für Elektroautos bei Heide.

Grüne Energie sei das Alleinstellungsmerkmal Schleswig-Holsteins, sagte Habeck. Für das Land gebe es angesichts des Umbaus der Industrie ein Zeitfenster mit besonderen Chancen. Nachhaltigkeit spiele bei vielen Ansiedlungen eine Rolle. Ähnlich argumentierte Wirtschaftsminister Madsen. Das Businessmodell für Unternehmen müsse jedoch aufgehen. «Am Ende ist für solche Ansiedlungen entscheidend, dass die Energie bezahlbar wird.» Deren Produkte müssten sich verkaufen lassen. Grüne Energie gebe es im Land reichlich. «Unser größtes Problem wird in den kommenden Jahren nicht der Ansiedlungswunsch einer Firma sein, sondern die notwendige Fläche», so Madsen.

70 Prozent der Ansiedlungen stammten aus dem Dienstleistungssektor. 39 Prozent der neuen Arbeitsplätze fielen auf den Maschinenbau, sagte Habeck. In einem Dutzend Unternehmen der Gesundheitswirtschaft entstünden 100 Jobs. Als Beispiel hob er ein Medizintechnikunternehmen aus Lübeck hervor, dass Gewebescanner zur Tumorerkennung entwickele.

Kiels Ober-Wirtschaftsförderer Kässens verwies auf die Ansiedlung von zwei Maschinenbau-Unternehmen an der Förde. Kiel investiere seit Jahren am „StrandOrt“ in die Revitalisierung dieser 150-jährigen Industriefläche. «Wir schaffen dort mit zukunftsorientierter Mobilität, Energie- und digitaler Versorgung die attraktiven Standortbedingungen im Wettbewerb um Ansiedlungen. Mit der FMB Rail GmbH und ORCAN Energy AG werden zwei innovative Industrieunternehmen in nachhaltige Produktion investieren und über 550 Arbeitsplätze schaffen. Europäische Studien belegen, dass ein Industriearbeitsplatz drei weitere Jobs im Dienstleistungsbereich schafft. Damit zeigt sich in Kiel die industrielle Transformation und der Strukturwandel unmittelbar in ökonomischer Wertschöpfung», so Kässens.

Hier weiteres Material zur Pressekonferenz

Wirtschaftsweise bescheinigt dem Norden große Chancen und wirbt für Pragmatismus

Eine Ansiedlung vom Kaliber Northvolt, Erneuerbaren Energien satt und obendrein eine große Weltoffenheit und Gelassenheit: Die aus Schleswig-Holstein stammende Wirtschaftsweise Veronika Grimm sieht in ihrer alten Heimat viele Standortvorteile. Heute besuchte sie in Neumünster eine Energiemesse und in Kiel Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen.

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm von der Nürnberger Friedrich-Alexander-Universität schreibt Schleswig-Holstein im Zuge des industriellen Umbaus große Chancen zu. «Durch die Transformation zur Klimaneutralität ist es ja so, dass die Vorteile mit Blick auf die Energieerzeugung tatsächlich in den Norden gewandert sind», sagte sie heute nach einem Treffen mit Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und Teilen des Landeskabinetts. Der Überschuss an Ökostrom biete das Potenzial für Industrieansiedlungen und Wachstum.

Ein weiterer Standortvorteil sei die Gelassenheit und die positive Einstellung der Menschen. Es gebe wenig Akzeptanzprobleme, man rede relativ pragmatisch miteinander. In anderen Bundesländern sei die Diskussion deutlich polarisierter. «Es ist offensichtlich so, dass es gelingt, die Menschen zu integrieren und auch einen Pragmatismus von der Bevölkerung einzufordern. Es gibt weniger extremistische Tendenzen in der politischen Meinungsbildung.»

Das Land habe eine lange Geschichte der Weltoffenheit, weil die Region durch Seehandel immer offen gewesen sei und es Einflüsse von außen gegeben habe, sagte Grimm. «Das sind alles Standortbedingungen, die sich extrem positiv ausgehen können, wenn es um den wirtschaftlichen Wandel geht.» Das hänge aber auch davon ab, was die Menschen daraus machten.

Hier ein Mitschnitt des gesamten Pressegesprächs

Grimm, Madsen und auch Markus Biercher, der Chef der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, betonten bei einem Treffen im Gästehaus der Landesregierung die Rolle von Migranten und sprachen sich für pragmatische Ansätze bei der Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt aus. Im vergangenen Jahr seien im Endeffekt 9.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Jobs im Norden entstanden, sagte Biercher. «Dieses Plus ist ausschließlich durch zugewanderte Menschen entstanden.» Bis 2035 rechnen Experten in Schleswig-Holstein mit einem Bedarf an 180.000 zusätzlichen Fachkräften.

«Wenn wir unser Produktionspotenzial in Deutschland erhalten wollen, brauchen wir neben erhöhter Erwerbstätigkeit von Frauen und einer Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung eine Zuwanderung von mindestens 1,5 Millionen Menschen pro Jah», sagte Grimm. Insbesondere die Einstellung von Geflüchteten scheitere oft daran, dass Arbeitgeber im Hinblick auf notwendige Sprachkenntnisse zu anspruchsvoll seien. Die jüngsten Bemühungen Schleswig-Holsteins, Geflüchteten auch mit geringen Sprachkenntnissen zügig den Weg in Beschäftigung zu bahnen, seien richtig. «Es muss Priorität haben, diese Menschen in Arbeit zu bringen, zugleich aber diejenigen abzusichern, die trotzdem nicht in Arbeit kommen.» Grimm ist Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage – den so genannten „fünf Weisen“. In ihrem jüngsten Gutachten hatten die Wirtschaftsweisen – sofern die Politik nicht gegensteuere – ein Wachstum bis 2028 von nur 0,4 Prozent prognostiziert. Um das Erwerbspersonenpotenzial konstant zu halten, sei zudem eine Netto-Zuwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr nötig, was einer Zuwanderung von 1,5 Millionen Menschen entspreche.

Madsen und Biercher kündigten unterdessen ein Pilot-Projekt im Rahmen des bundesweiten „Job-Turbo“ an. «Wir haben in den letzten Monaten unsere Kontakte in die Wirtschaft genutzt, um Unternehmerinnen und Unternehmer dafür zu gewinnen, Geflüchtete auch mit minimalen Sprachkenntnissen einzustellen», sagte Madsen. Rund ein Dutzend Betriebe – darunter auch große Unternehmen – hätten bereits Interesse signalisiert. «Es ist einen Versuch wert, denn die Wirtschaftsweisen schreiben uns ja nicht umsonst ins Stammbuch, dass wir diese Köpfe brauchen, wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen.» Er selbst habe als gebürtiger Däne ebenfalls die deutsche Sprache erst im Job richtig gelernt.

Biercher sagte dazu: «Ich kann dies nur bestätigen. In den vergangenen Wochen haben wir unsere Bemühungen zur schnelleren Arbeitsmarktintegration Geflüchteter in diversen Formaten wie Bewerbertage, Informationsveranstaltungen und Betriebsbesuche im Land intensiviert. Mit ersten Erfolgen: So ist die Zahl der Personen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Beschäftigung aufgenommen haben, in den letzten beiden Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Drittel angestiegen. Es geht also in die richtige Richtung. Wir werden unsere Anstrengungen weiter verstärken, um noch höhere Erfolge erzielen zu können.»

Madsen appellierte an alle Betriebe, Arbeitskräften aus dem Ausland auch schon mit geringeren Sprachkenntnissen eine Chance zu geben und die Möglichkeiten des berufsbegleitenden Sprachunterrichts, die jetzt nochmals praxisnäher ausgestaltet werden, zu nutzen. Er erinnerte auch an das im Dezember eröffnete „Welcome Center Schleswig-Holstein“. Das vom Land mit knapp 13 Millionen Euro geförderte Projekt ziele darauf ab, die Sichtbarkeit und Attraktivität Schleswig-Holsteins als Zuwanderungsland zu erhöhen und somit die Erwerbsmigration deutlich zu steigern. Zur Attraktivitätssteigerung gehöre auch, Schleswig-Holstein so zu positionieren, dass zugewanderte Arbeitskräfte und ihre Angehörigen gerne dauerhaft im echten Norden leben und arbeiten möchten, so Madsen.

Wirtschaftsweise Grimm mahnt unterdessen zur Eile: «Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit, weil das Wachstumspotenzial insbesondere durch den demografischen Wandel gedämpft wird.» In den kommenden Jahren werde die Generation der Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Wenn aber die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden schrumpfe, werde auch weniger produziert. Grimm: «Wir könnten also in eine Situation geraten, in der es Kindern nicht mehr besser, sondern schlechter geht als ihren Eltern. Für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland könnte das Sprengstoff sein.»

Und noch eine Hürde weniger für die Ansiedlung der Giga-Factory von Northvolt

Minister-Duo Dirk Schrödter und Claus Ruhe Madsen

Nach den finanziellen Weichenstellungen von Land, Bund und der EU hat die Landesregierung einen weiteren Schritt zur Realisierung der Ansiedlung der Batteriefabrik des schwedischen Unternehmens Northvolt vorgenommen: Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen und Minister und Chef der Staatskanzlei Dirk Schrödter unterzeichneten heute in Kiel eine Gewährleistungserklärung samt Verwaltungsvereinbarung. Damit verpflichtet sich das Land, eine Absicherung gegenüber dem Bund in Höhe von bis zu 50 Prozent einer 600-Millionen-Wandelanleihe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für das Unternehmen zu übernehmen. „Wir erfüllen damit eine weitere unserer Zusagen, um eine der größten Industrie-Ansiedlungen in der Landesgeschichte unter Dach und Fach zu bringen und damit einen Beitrag zu leisten, unsere Automobilindustrie, den industriellen Kern Deutschlands, für die Zukunft international wettbewerbsfähig aufzustellen“, sagte Schrödter.

Wie Madsen sagte, sei dies ein weiterer wichtiger Baustein in der Gesamtfinanzierung und damit der Realisierung des 4,5-Milliarden-Euro-Projekts. Das Werk im Heider Umland soll künftig Batterien für bis zu eine Million E-Autos jährlich herstellen. Geplant ist, dass die Fertigung in zwei Jahren startet und 2029 die volle Kapazität erreicht. Nach den Worten von Madsen und Schrödter sollen rund 3.000 Arbeitsplätze in der Region entstehen, sowie Tausende weitere bei Zulieferern und Dienstleistern. „Der Prozess der zurückliegenden Monate war von einem engen Schulterschluss zwischen Bund und Land geprägt. Daher möchte ich mich ausdrücklich bei den Akteuren auf Bundesseite bedanken“, so Madsen.

Neben der Wandelanleihe hatte die Bundesregierung bereits im vergangenen Jahr für Northvolt 564 Millionen Euro freigegeben, das Land engagiert sich mit 136 Millionen Euro.